Andreas Walser wurde 1908 in Chur geboren. Sein künstlerisches Talent fiel früh auf. Der Lehrer zeigte seine Zeichnungen Augusto Giacometti. Der bereits damals arrivierte Maler aus dem Bergell ermunterte den Maturanden, sich der Kunst zu widmen. Dem Churer Pfarrerssohn mangelte es nicht an Selbstvertrauen, er pilgerte nach Davos zu Ernst Ludwig Kirchner, der ihm die Tür nach Paris öffnete.
Der Maler stieg kometenhaft auf, lernte Picasso kennen, Erika und Klaus Mann. Sein Stern verglühte. Er malte wie besessen, verlor sich in Drogen. Mit 22 Jahren starb Walser unter ungeklärten Umständen.
Immer ohne Noten
Ein paar Gemälde fanden später den Weg ins Antiquariat von Walter Lietha. So wurde er zu einem wichtigen Wiederentdecker von Andreas Walsers Werk. «Die Dinge, die ich tue, ergeben sich, sie kommen zu mir», sagt er. Ohnehin hat in seinen Augen schon verloren, wer etwas will. Was nach Koketterie klingt, ist seine Lebenshaltung.
Auch die Musik war für ihn immer da. In der Familie sang er mit seinen Eltern und den drei Brüdern vielstimmige Volkslieder. Früh setzte er sich ans Klavier. «Ich wusste gleich, wie es geht.» Den Unterricht besuchte er nur kurz, weil ihm die Lehrerin etwas beibringen wollte. Den Noten hat Lietha sich stets erfolgreich verweigert. «Musik ist meine Bestimmung, das ist einfach so.»
Im stillen Dialog
Lietha schenkt Tee nach. Neue Lieder sind lange nicht mehr vorbeigekommen. «Das ist nicht schlimm, ich habe ja genug zu tun.» Wird er angefragt, spielt er Konzerte, die für ihn mit dem Einpacken der Gitarre und der Anreise beginnen. Sie leben von der Resonanz und dem stillen Dialog mit dem Publikum.
In die Surselva zog Lietha 2017, als er die Buchhandlung «Narrenschiff» in der Churer Altstadt aufgab. Die Schätze des Antiquariats fanden auf einer Etage und im Keller Platz. Wie die Musik waren die Bücher immer ein wichtiger Teil seines Lebens. Er war ein Teenager, als er in der Stadtbibliothek die Romane von Robert Walser auslieh.
Sich «verwalsern» lassen
Es ist ein heller Moment im Gespräch, als die gemeinsame Begeisterung für den Schriftsteller aufleuchtet. Lietha lässt «sich immer wieder neu verwalsern» vom Wortkünstler. Schreibend schlägt Walser Finten, streut Weisheiten und Einsichten in seine literarischen Spaziergänge, um sie fabulierend zu zerstreuen. Hinter Wortgirlanden lauern Abgründe der Kritik, poetische Blüten werden ironisch zerpflückt. Immer in Bewegung entzieht sich der Flaneur der Kategorisierung. Seine Texte sind Theater: Sie leben von der Aufführung.
Insofern besteht eine Verwandtschaft zwischen Walser und Lietha. Einen Beruf wollte der Sänger nie und folgte seiner Berufung. Das Lehrerseminar brach er ab, reiste nach Marseille und Istanbul, lebte fünf Jahre in Amsterdam, wo er sich als Musiker etablieren konnte.
Ein Hauch von Anarchie
In der Schweiz feierte Lietha insbesondere im Zusammenspiel mit Max Lässer grosse Erfolge. Er gab seiner Generation eine Stimme. Als er sich der Anti-Atomkraft-Bewegung anschloss und dem Anarchisten Marco Camenisch, der damals Sprengstoffanschläge auf Transformatoren und Hochspannungsmasten verübt hatte, eine Platte widmete, wurden seine Lieder aus dem Radio verbannt. 1980 verschwand Walter Lietha aus der Schweizer Musikwelt.
Es war eine stille Zensur. Wer seine Buchhandlung in Chur besuchte, stand nun unter Beobachtung. So erzählt es Lietha. Der Observation entkam er, indem er die Schweiz verliess und erneut auf Reisen ging.
Mehr als eine Buchhandlung
Obwohl er seiner Heimat immer wieder den Rücken kehrte, blieb ihr Lietha verbunden. Vielleicht gerade deshalb. Und der Musiker, der den Kapitalismus ablehnt, «weil er den Menschen von sich selbst entfremdet», vermag wirtschaftlich mit seinem eigenständigen Buchhandel zu bestehen. Er beherrscht die Kunst, frei von Ideologie radikale Gedanken zu formulieren, indem er der argumentativen Debatte ausweicht, die ihn sowieso nicht interessiert.