Lebensfragen 01. Juni 2026, von Corinne Dobler

Wer bin ich jetzt noch, ohne diese Rollen?

Seelsorge

Fachleute beantworten Ihre Fragen zu Glauben und Theologie sowie zu Problemen in Partnerschaft, Familie und anderen Lebensbereichen.

Mein Mann hat mich wegen einer jüngeren Frau verlassen. Meine Kinder sind Teenager und zeigen kein Interesse mehr daran, et­was mit mir zu unternehmen. Und auf beruflicher Ebene ist es auch schwierig. Ich habe gut 200 Bewerbungen geschrieben und trotzdem keine Arbeitsstelle gefunden. Als Frau über 50 ist man offenbar nirgends mehr gefragt. Ich fühle mich unsichtbar. Wie gelingt es mir, mich wieder besser zu fühlen?

So viel Enttäuschung in verschiedenen Lebensbereichen – Sie müssen gerade richtig viel aushalten! Mit dem Verlust Ihrer Partnerschaft, der Nähe zu Ihren Kindern und der beruflichen Sicherheit kann es sich anfühlen, als hätten Sie ein Stück Ihrer Identität verloren. Dass Sie sich unsichtbar fühlen, ist unter diesen Umständen nachvollziehbar. Kann es sein, dass Sie zuerst Zeit für sich brauchen, um all das Geschehene zu verdauen, bevor Sie weitergehen können? Vielleicht helfen Gespräche mit guten Freundinnen, mit einer Seelsorgerin oder eine begleitete Auszeit, die Sie auf diesem Weg unterstützt.

Um herauszufinden, wohin der Lebensweg gehen soll, kann die Frage helfen: «Wer bin ich jenseits der Rollen, die gerade weggefallen sind?» Jesus stand für eine Welt ein, in der alle Menschen ihren  unverlierbaren Wert in sich tragen – unabhängig von Geschlecht, Alter, Verhalten oder Beeinträchtigung. Seine Art, Menschen zu begegnen, liess sie ihre Würde, ihren Wert spüren.

Vielleicht haben Sie Menschen in Ihrem Umfeld, die das auch zu leben versuchen: Wo finden Sie Orte, an denen Sie einfach sein dürfen, wie Sie sind? Gibt es Interessen oder Hobbys, die lange zu kurz gekommen sind und denen Sie sich jetzt widmen möchten? Für den finanziellen Druck Ihrer Arbeitslosigkeit hilft es, professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen.

Wie auch immer Sie sich entscheiden, Ihren neuen Lebensabschnitt zu gestalten: Die wichtigste Übung ist, in allem mit sich selbst freundlich und nachsichtig zu bleiben. Behandeln Sie sich selbst so, wie Sie die beste Freundin in einer Krise behandeln würden. Sie brauchen Zeit, um sich vom Verlorenen zu verabschieden und zu trauern. Und Sie brauchen Zeit, sich neu sehen zu lernen und anders weiterzuleben als bisher. 

Haben Sie eine Frage?

Fachleute beantworten Ihre Fragen zu Glauben und Theologie sowie zu Problemen in Partnerschaft, Familie und anderen Lebensbereichen: Corinne Dobler (Seelsorge), Martin Bachmann und Salome Roesch (Partnerschaft und Sexualität) und Ralph Kunz (Theologie). 

Senden Sie Ihre Fragen an «reformiert.», Lebensfragen, Preyergasse 13, 8001 Zürich. 

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