Statt Angst und Hass ist die Solidarität gewachsen

Migration

Zwei Monate wehrten sich Bürger von Minneapolis und Saint Paul gegen die Abschiebepolizei ICE. Pfarrpersonen berichten, wie sich Kirchen und Nachbarschaftsnetzwerke engagieren. 

Sie sind in dicke Wintermäntel eingepackt, darüber tragen sie farbige Stolen, die sie als Geistliche kennzeichnen. Polizeibeamte bringen sie zu einem Bus, die Hände mit Kabelbindern gefesselt: Die Bilder von rund 100 Pastorinnen und Pastoren, die am Flughafen Minneapolis-Saint Paul festgenommen wurden, weil sie gegen die Abschiebepolitik von US-Präsident Donald Trump und seiner Regierung demonstrierten, gingen unlängst um die Welt. 


Unter ihnen war Jered Weber-Johnson, Pfarrer der St. John the Evangelist Episcopal Church in Saint Paul und regionaler Dekan. Die Proteste, an denen 700 Pfarrpersonen aus dem ganzen Land und von verschiedensten Konfessionen teilnahmen, beschreibt er als einen «zutiefst heiligen Augenblick». «Wir beteten und sangen gemeinsam über Unterschiede hinweg», berichtet er im Gespräch mit «reformiert.». Bei der Festnahme hätten die Polizisten die Geistlichen respektvoll behandelt. Der Protest am Flughafen, einer Drehscheibe für Abschiebungen, rückte neben all den Bildern von Gewalt durch vermummte und hochgerüstete Beamte der Abschiebepolizei ICE kurzzeitig die Kirchen in den Fokus. 

Ein einzigartiges Netzwerk

Unmittelbar nachdem ICE-Beamte bei einer Razzia die unbewaffnete dreifache Mutter Renée Good erschossen hätten, sei ihr Netzwerk angesprungen, sagt Sarah Brouwer, Pfarrerin der protestantischen Gemeinde St. Paul’s United Church of Christ, die an der Organisation der Demonstration beteiligt war. Ein einzigartiges Netzwerk aus in der Region tief verwurzelten Gewerkschaften, interreligiösen Verbänden und Bürgerrechtsorganisationen, das sich schon in den Jahren zuvor gebildet hatte. 


Die letzten zwei Monate verlangten von Brouwer und Weber-Johnson viel ab. «Es bleibt eine beängstigende Zeit», sagt Weber-Johnson. Brouwer und er sind wie Zehntausende andere Bürgerinnen und Bürger als «constitutional observers», verfassungsrechtliche Beobachter, unterwegs. Bürgerrechtsorganisationen bieten dafür Kurse an. Sehen sie, wie Beamte Menschen mit Migrationshintergrund festnehmen, dokumentieren sie das Geschehen mit dem Handy und geben die Informationen weiter. So wie Alex Pretti, der zwei Wochen nach Good bei einer Auseinandersetzung mit Grenzschützern erschossen wurde. 

Wir sind als Gesellschaft weniger gespalten als je zuvor.
Jered Weber-Johnson, Episkopaler Pfarrer aus Saint Paul

Auf unterschiedlichste Weise engagierten sich Kirchgemeinden, teils Hand in Hand mit allgegenwärtigen Nachbarschaftsnetzwerken: Sie sammelten etwa Spenden, um Anwaltskosten für Festgenommene zu bezahlen. Weil sich viele Migrantinnen und Migranten aus Angst vor der Abschiebepolizei kaum mehr aus ihren Häusern trauten, kochten und lieferten manche Kirchen Hunderte Mahlzeiten aus.

Die Nervosität war hoch. In seiner Kirche sei auch ein Kindergarten untergebracht, den viele Kinder mit dunkler Hautfarbe besuchten, sagt Weber-Johnson. Kirchenmitglieder bewachten zu den Abhol- und Bringzeiten die Türen, damit sich die Kinder sicher fühlten. Er ist sich mit Brouwer einig, dass die Bevölkerung gesamthaft betroffen ist. Nahezu jeder kennt jemanden, der von ICE-Beamten festgenommen wurde oder der sich vor ihnen verstecken musste. 

Angst vor dem Gottesdienstbesuch

Für Kirchgemeinden, die vor allem Menschen mit Migrationshintergrund eine Heimat bieten, waren die letzten Monate fatal, viele Mitglieder trauten sich nicht mehr zum Gottesdienst, das Gemeindeleben kam zum Erliegen. «Ausgerechnet, wenn die Kirche am wichtigsten wäre für die Betroffenen, wird sie zur schwer erreichbaren Ressource», sagt Weber-Johnson. In liberalen Gemeinden mit überwiegend weissen Mitgliedern wie der von Brouwer waren die Kirchenbänke an den Gottesdiensten hingegen voller als sonst. Die Pastorin führt das auf die Krise zurück: «Die Menschen brauchen einander, und ihnen hilft der Gedanke an eine höhere Macht.» 

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Regierung unter Donald Trump seit Monaten versucht, Hass auf Migrantinnen und Migranten zu säen, in den Zwillingsstädten aber vor allem Solidarität mit ihnen erntet. «Die Menschen stehen mehr zusammen, sind grosszügiger und mitmenschlicher», sagt Weber-Johnson. «Wir sind als Gesellschaft weniger gespalten als je zuvor.» 

Die Gesetzlosigkeit der Situation und die Tatsache, dass bislang niemand zur Rechenschaft gezogen wurde, fühlt sich noch an wie eine offene Wunde.
Sarah Brouwer, Pfarrerin St. Paul’s United Church of Christ

Dass sich der Widerstand gelohnt haben dürfte, zeigt die Ankündigung des Grenzbeauftragten Tom Homan, dass sich ICE aus den Städten weitgehend zurückziehen werde. Er begründete den Entscheid mit dem angeblichen Erfolg des fragwürdigen Einsatzes. In Minneapolis wurde die Nachricht auch darum nur verhalten begrüsst.  

Der demokratische Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, betonte, dass die Bevölkerung nach diesen Wochen tief traumatisiert sei. Ähnlich äussert sich Brouwer. «Die Gesetzlosigkeit der Situation und die Tatsache, dass bislang niemand zur Rechenschaft gezogen wurde, fühlt sich noch an wie eine offene Wunde.» Die Demokratie sei im Land an so vielen Ecken und Enden gefährdet, dass viele Menschen weiter unter grosser Zukunftsangst litten. 

Lernen aus der Erfahrung

Weber-Johnson befürchtet, dass vor allem die privilegierte weisse Bevölkerung ihre Wachsamkeit wieder verlieren könnte. Diese brauche es aber weiterhin im Einsatz für Gerechtigkeit und auch, um Migrationsgemeinschaften zu unterstützen. Der Pfarrer nimmt aus den vergangenen Wochen insbesondere mit, wie sich Gottes Werk auch ausserhalb der Kirchen offenbarte. 

Nun gelangen aus vielen Teilen des Landes Pfarrpersonen an Sarah Brouwer, um von ihren Erfahrungen zu lernen. Die progressiven Kirchen hätten durch den Widerstand an Vertrauen gewonnen, hält die Theologin fest. Und immer häufiger würden auch konservative Christen zum Schluss kommen, dass sich das Vorgehen der Regierung nicht mit ihrem Glauben in Übereinstimmung bringen lasse.