Gesellschaft 16. Februar 2026, von Wold Südbeck-Baur

Der unbekannte Held

Nationalsozialismus

1943: Europa brennt, auch Budapest. Dort rettet der Schweizer Diplomat Harald Feller 32 Jüdinnen und Juden und kehrt vor 80 Jahren zurück. Eine Biographie erzählt seine Geschichte.

Im Jahr 1943 wird der gerade mal 30 Jahre junge Jurist Harald Feller von der Berner Regierung nach Budapest entsandt. 

Der unerfahrene Diplomat ist als Legationssekretär in der Schweizer Gesandtschaft zuständig für juristische und kulturelle Angelegenheiten. Fellers Aufgabe: Schweizer Juden in Ungarn die Rückkehr in die Schweiz zu ermöglichen und sie dabei zu unterstützen. Alles andere als ein leichtes Unterfangen. 

Die Lage hatte sich für die jüdische Menschen dramatisch zugespitzt, nachdem die faschistischen Pfeilkreuzler im Oktober 1943 mit Unterstützung der Nazis die Macht an sich gerissen hatten. Diskriminierung, Stigmatisierung, Ghettoisierung und Zwangsarbeit überziehen die jüdische Bevölkerung in Ungarn, insgesamt rund 750000 Menschen, mit Terror und Willkür. 

In kurzer Zeit fast eine halbe Million Menschen verschleppt

Im März 1944 marschieren Hitlers Nazitruppen in Budapest ein. Organisiert von Adolf Eichmann, dem Kopf hinter der «Endlösung», werden «in wenigen Wochen mehr als 430’000 Juden aus der gesamten ungarischen Provinz verschleppt», schreibt der Historiker François Wisard in seiner gerade erschienenen Biographie «Harald Feller, Retter von Verfolgten, Gefangener von Stalin».

Und weiter: «Mehr als Dreiviertel der Deportierten werden direkt in die Gaskammern von Auschwitz, die anderen zur Zwangsarbeit genötigt.» Carl Lutz, Vizekonsul der Schweizer Gesandtschaft, stellt Schutzbriefe für Palästina aus und ermöglicht so 8700 jüdischen Familien die Ausreise, das sind insgesamt rund 40’000 Menschen.

Währenddessen bemüht sich der junge Legationssekretär Feller um die sichere Rückreise von Schweizer Juden, die Transitvisa für die Durchreise durch das nationalsozialistisch besetzte Österreich benötigen. Zwar waren die Schweizer Behörden inzwischen vom Bundesrat angewiesen worden, Schweizer Jüdinnen und Juden den Schweizer Pass und Asyl zu verweigern. Trotzdem stellte ihnen Feller stellte provisorische Identitätsausweise aus. Dabei war es alles andere als einfach für ihn, bis er den zuständigen Sachbearbeiter der ungarischen Behörden ausfindig gemacht und zudem so weit gebracht hatte, die nötigen Papiere auszustellen. 

Es war das grosse Verdienst von Feller, die Transitvisa zu beschaffen. Eigentlich war die legale Auswanderung von ungarischen Juden so gut wie ausgeschlossen.
François Wisard, Biograf

Im Oktober 1944 ging die Abreise endlich los. «Wir haben auf Feller gewartet wie auf den Messias», erzählt Eva Kuralnik weiter. Legationssekretär Feller hatte ihnen alle nötigen Reisedokumente übergeben mitsamt einem Kuchen als Reiseproviant. So glückte den vier Frauen und den beiden noch lebenden Rottenberg-Töchtern die Ausreise in buchstäblich in letzter Minute. Wenige Tage später, am 15. Oktober 1944, übernahmen die ungarischen Nazis in Budapest die Macht und gingen brutal gegen Juden und Regime-Gegner vor. 

Die Schweizer Regierung reagierte im Dezember 1944 mit dem Abzug fast des gesamten diplomatischen Personals aus der Gesandtschaft. Harald Feller aber blieb in Budapest und übernahm mit nur 31 Jahren die Leitung der Gesandtschaft, «für einen Schweizer Diplomaten zweifelsohne der schwierigste Posten während des ganzen Krieges», wie Historiker François Wisard in seiner gründlich recherchierten Feller-Biographie heute unterstreicht. 

Von Agenten entführt und in Moskau in Haft

Zu Fellers Verdiensten zählt zudem, dass der Diplomat 26 weiteren verfolgten Juden das Leben rettete, indem er ihnen Visa und Pässe für die Rückkehr in die Schweiz beschaffte. Dabei darf nicht übersehen werden, dass Feller neun von ihnen bei sich versteckt und auf eigene Kosten verpflegt hatte. Dies geht aus einer Liste hervor, die der Richter Jakob Kehrli 1946 im Zuge seines Untersuchungsberichts zu Fellers Verhalten in Budapest im Auftrag des Bundesrats erstellt hat. 

Doch bevor der Legationssekretär nach Bern zurückkehren konnten, wurde er und ein Kollege am 16. Februar 1945 von sowjetischen Agenten nach Moskau entführt und in einem ehemaligen Gefängnis fast ein Jahr lang festgehalten. «Es war ein Internierungslager, und wir haben sofort gemerkt, dass wir als Pfand festgehalten werden», erzählte Feller beim Treffen mit Eva Kuralnik und Vera Rottenberg 1997. 

Autor Wisard gibt ausführlichen Einblick in das diplomatische Hin-und-Her zwischen Bern und Moskau, bis es zu einer Übereinkunft kommt. Schliesslich kamen Feller und Kollege Meier Ende Januar 1946 im Austausch gegen russische Internierte frei. 

Aus der Haft in Russland vor Gericht in Bern

Zurück in Bern sah sich der junge Diplomat mit Kollaborationsvorwürfen konfrontiert und mit einer vom Bundesrat geheim angeordneten richterlichen Untersuchung. Während Fellers Gefangenschaft in Moskau hatte die Schweizer Regierung keinen Kontakt zu ihm aufnehmen können und tappte über die Gründe im Dunkeln. So untersuchte Richter Jakob Kehrli, ob Feller illegal Schweizer Pässe an Nichtschweizer ausgestellt hatte, Ausländern und pronazistischen Pfeilkreuzlern in der Budapester Gesandtschaft Asyl gewährt und überdies die Einreise von Pfeilkreuzlern begünstigt. 

Alle diese massiven Anschuldigungen erweisen sich nach mehreren Tagen Verhör durch Richter Kehrli als haltlos und werden fallengelassen. Der vom Bundesrat autorisierte über 300 Seiten umfassende Untersuchungsbericht erwähnt zwar kleinlaut Harald Fellers mutige Rettungsaktion von jüdischen Menschen, würdigt sie aber in keiner Weise angemessen. Die Schweizer Regierung attestierte ihm zwei Jahre später in einer internen Note lediglich, dass ihm keine «Unregelmässigkeiten» zur Last gelegt werden. 

Advokat, Staatsanwalt – und Gefängnis-Theater-Regisseur

Harald Feller quittierte 1949 den diplomatischen Dienst, arbeitete als Advokat und wurde 1959 zum Staatsanwalt gewählt. In dieser Funktion kam er mit dem Gefängnis in Thorberg in Kontakt und schloss sich dort der Theatergruppe der Insassen an. Unter seiner Regie kamen 17 Theaterstücke zur Aufführung. Damit «erfüllte Feller sich einen Jugendtraum: Theater zu spielen und zu inszenieren», wie Biograph Wisard schreibt. 

Öffentliche Anerkennung erhielt Harald Feller (1913-2003) erst 1999. Im hohen Alter von 86 Jahren wurde er mit der Medaille der Gerechten unter den Völkern geehrt, der höchsten Auszeichnung, die das Institut Yad Vashem in Jerusalem verleiht. Fellers Dankesrede ist noch einmal ein beeindruckendes Zeugnis seiner grossartigen Menschlichkeit: «Ich bin kein Held, ich habe einfach eine selbstverständliche Pflicht erfüllt.» 

Wir haben auf Feller gewartet wie auf den Messias.
Eva Kuralnik, Gerettete

Nötig waren diese Papiere zum Beispiel für die Jüdin Berta Rottenberg Passweg, die durch ihre Heirat mit dem Ungarn Wilhelm Rottenberg automatisch ihre Schweizer Staatsbürgerschaft verloren hatte und so rechtlich Ungarin wurde. Schwanger und in lebensbedrohlicher Not wandte sich Berta Rottenberg an die Schweizer Gesandtschaft und knüpfte Kontakt mit Harald Feller.

Der Diplomat durfte inzwischen auf Order aus Bern – die Schweizer Regierung sorgte sich um die Sicherheit ihres Botschaftspersonals – keinen Kontakt mit jüdischen Menschen unterhalten, die nicht Schweizer Bürger waren. Feller setzte sich über diese Anordnung hinweg. Biograph François Wisard unterstreicht: «Es war das grosse Verdienst von Feller, die Transitvisa zu beschaffen. Eigentlich war die legale Auswanderung von ungarischen Juden so gut wie ausgeschlossen.»

Äusserst riskante Rettungsaktion

«Er hätte sagen können, tut mir leid, ich kann nichts machen», erzählt Eva Koralnik, Tochter von Berta Rottenberg, 81 Jahre später im Schweizer Fernsehen in der Sendung Kulturplatz vom 3. September 2025. «Ohne Harald Feller wäre ich in den Flammen aufgegangen. Wie sagt man dem danke? Das kann man gar nicht», ergänzt Koralniks Schwester Vera Rottenberg im TV-Beitrag. Feller «hat genau gewusst, was mit Juden passiert. Er hat für sich beschlossen, alles zu tun, um dem entgegenzuwirken – auf welche Weise auch immer», erzählt die 81-Jährige weiter. 

Harald Fellers Rettungsaktion im Oktober 1944 war äusserst riskant. Denn die Visa für die ausreisewilligen Frauen – neben Berta Rottenberg und ihren beiden Töchtern gehörten drei weitere Frauen jüdischer Herkunft zu der Reisegruppe – galten nur zeitlich beschränkt. Dazu kam, dass Berta Rottenberg kurz vor der Geburt ihrer Tochter Vera stand. Feller überlegte keine Sekunde und versteckte die vier jüdischen Frauen in einem Haus der Schweizer Gesandtschaft in Budapest. «Da ging es wirklich um Leben und Tod», erinnert sich Eva Kuralnik in der Kulturplatz-Sendung. 

Literaturhinweis

François Wisard: Harald Feller – Retter von Verfolgten, Gefangener von Stalin. 250 Seiten, Elfundzehn Verlag 2025, ca 32 Franken