Gott im Alltag einen Ort sichern

Spiritualität

An Pfingsten enden die «Grossen Exerzitien im Alltag». Zuzana Jirků erzählt, wie der geistliche Übungsweg ihr Leben bereichert. 

Ein- bis zweimal im Monat steigt die Psychiaterin Zuzana Jirků beim geschäftigen Bahnhof Winterthur in den Bus 676 und fährt nach Rutsch­wil im Zürcher Weinland. Von dort sind es zehn Minuten zu Fuss zum Pfarrhaus Dägerlen, das eingebettet in ländlicher Ruhe etwas abseits der Landstrasse liegt. 

Sehnsucht nach Spiritualität 

Die 39-jährige Tschechin, die seit vier Jahren in der Schweiz lebt, trifft sich hier regelmässig mit 16 Leuten, die wie sie seit dem vergangenen November die «Grossen Exerzitien im Alltag» praktizieren. Diese gehen auf den Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola (1491 – 1556) zurück und wurden 2022 vom Bistum St. Gallen zum ersten Mal als Halbjahresprogramm angeboten. 

In der Schweiz, Deutschland und Österreich gibt es zurzeit insgesamt 90 Gruppen, die bis Pfingsten zusammen auf einem spirituellen Weg sind. Das Ziel der täglichen Übungen ist, «Gott im Alltag einen Ort zu sichern». In Dägerlen leitet die reformierte Pfarrerin Christa Gerber die Gruppe mit ihrer katholischen Kollegin Renata Zuppiger Andreato. 

Mit ruhiger Stimme erzählt Zuzana Jirků, dass sie in den vergangenen Jahren genau danach gesucht habe: einem Ort, an dem ihre Sehnsucht nach spiritueller Zugehörigkeit einen Raum findet. 

Der Sog der Kirche 

Kirche zog sie an. «Aber irgendwie fand ich den Zugang nicht. Auch hatte ich Angst, dass ich auf Leute treffen würde, die mir sagen, was ich zu tun hätte.» In ihrer Familie hatte Religion keine Rolle gespielt. «Meine Grossmutter war katholisch, gab aber ihren Glauben unter dem kommunistischen Regime in der Tschechoslowakei nicht weiter, weil die ganze Familie darunter gelitten hätte», erzählt sie. 

Mir wurde bewusst, dass ich verschiedene Bilder von Gott habe.

Seit Zuzana Jirků die Exerzitien kennengelernt hat, beginnt ihr Tag immer mit einer halben Stunde auf dem Sitzkissen. Sie zündet zwei Kerzen an, spricht ein kurzes Gebet und liest einen Bibeltext mit den Erläuterungen aus dem Begleitbuch. 

«Danach versuche ich, präsent zu sein mit dem, was sich zeigt, und dabei möglichst nichts anderes zu denken», sagt sie. Manchmal sei ihr der Text fremd, irritiere oder nerve er sie sogar. «Es kommt aber auch vor, dass er zu mir spricht, dass ich ihn in der Stille neu verstehe und plötzlich als sehr aktuell empfinde.» 

Der Weg aus der Enge 

Die monatlichen Treffen mit dem Erfahrungsaustausch in der Gruppe schätzt Zuzana Jirků besonders. «Es ist sehr schön, wie offen und vertrauensvoll wir einander mitteilen, was wir erleben.» Dadurch seien Freundschaften über die Gruppentreffen hinaus entstanden. 

Wertvoll ist für die Ärztin, die sich bei der Gesellschaft für Existenzanalyse zur Psychotherapeutin weiterbildet, auch die geistliche Begleitung durch Christa Geber. 

Die persönlichen Gespräche mit der Pfarrerin helfen Jirků, Schwierigkeiten auf ihrem spirituellen Weg einzuordnen und mehr Klarheit zu erlangen. «Erst dadurch wurde mir bewusst, dass ich verschiedene Bilder von Gott habe, darunter auch jenes von einem kontrollierenden und strafenden Gott.» 

Mit dieser Vorstellung werde das Leben eng. Auch bei einigen Patientinnen und Patienten sehe sie, dass Religion einschränkend wirken könne. «Mit dem Begriff Gott bin ich deshalb immer noch vorsichtig, es entwickelt sich jedoch, was ich unter dem Wort verstehe.»

Leise und sanft zur Freiheit 

Zuzana Jirků lächelt jetzt, ihre blauen Augen erinnern an einen leuchtenden Bergsee. Sie sagt, wie sehr sie es schätze, wie «leise und sanft» das alles passiere. 

Mithilfe der Exerzitien und dank ihrer Ausbildung habe sie die Möglichkeit, «immer freier und freier zu werden», erklärt sie. «Und ich kann mir die Zeit nehmen, die ich dafür brauche.» 

Abschlussgottesdienst der «Grossen Exerzitien im Alltag» am Pfingstsonntag, 24. Mai in der Heiliggeist-Kirche in Bern. www.grosse-exerzitien-im-alltag.ch