«What the heck isch feministischi Theologie?», fragt Filmemacherin Liv Wetli auf Tiktok. Das in Rosarot und Grasgrün gehaltene Video wirkt locker. Wetli diskutiert darin mit einer Kopie von sich selbst. In 41 Sekunden erklärt sie ihrem jungen Publikum in einfachen Worten, was feministische Theologie ist und warum es sie braucht.
Das Video ist der erste Beitrag auf dem Tiktok-Kanal der Femmes Protestantes, des nationalen Dachverbands der reformierten Frauen. Wetli ist sein Gesicht und produziert die Clips grösstenteils selbst.
So kurz und prägnant Wetli in den Videos auch spricht, im Gespräch geht sie rasch in die Tiefe. Ein differenzierter Blick und respektvoller Dialog sind ihr wichtig. Beides motivierte sie für das einjährige Tiktok-Pilotprojekt. Dabei war ihr Weg zu den Themen Religion und Feminismus kein geradliniger.
Liv Wetlis Weg zwischen Kirche, Feminismus und Glaubensfragen
In Worb BE geboren, besuchte Liv Wetli als Kind den katholischen Religionsunterricht. Über ihre Tagesmutter kam sie dann in Kontakt mit dem freikirchlichen Evangelischen Gemeinschaftswerk.
Im Gymnasium wandte sie sich feministischen Themen zu. In der Folge taten sich für sie viele Fragen zur Kirche auf. Zwar teile diese viele der feministischen Anliegen, dennoch gebe es etwa nur männliche Priester. «In der Kirche wurden solche Themen aber nicht diskutiert», sagt Wetli. Religion rückte für sie dadurch in den Hintergrund.
Doch durch ihren israelischen Freund kam sie wieder in Berührung damit. Die meiste Zeit lebt sie mit ihm in Tel Aviv. «Die extreme Polarisierung und ihre Konsequenzen im aktuellen Konflikt beschäftigen mich sehr», sagt sie.
Wetli hat in Luzern und Jerusalem Film studiert und sich auf Kameraarbeit und Schnitt spezialisiert. Als sie das Jobinserat der Femmes Protestantes sah, entdeckte sie die feministische Theologie neu. Sie finde es toll, «vermeintliche Gegensätze zusammenzubringen».
Femmes Protestantes auf Tiktok: Komplexe Themen einfach erklärt
Bisher hat Wetli für Femmes Protestantes rund 20 Videos produziert. Das Herausforderndste sei, komplexe Themen für Teenager verständlich zu machen. Das mache ihr aber besonders Spass.
Wetli arbeitet nicht allein, sondern im «Team Maria». Zwei Theologinnen liefern ihr Inhalte als Basis. Auch erhält sie Unterstützung bei der französischen Übersetzung und der Gestaltung. Einen festen Arbeitsplatz hat sie nicht. Das Treffen mit ihr findet darum in einem Café in Bern statt. In wenigen Tagen reist sie wieder nach Tel Aviv.
So pendelt Wetli zwischen zwei Welten, auch wenn es um Religion geht. «Beim Tiktok-Projekt verbinde ich damit gute Gefühle, an meinem Wohnort sehe ich auch viel Schwieriges.» Dafür fehlt ihr in der Schweiz zuweilen der Sinn für die Gemeinschaft. Etwa an Weihnachten, wenn es vor allem um die Geschenke gehe. Das Fest sei oft mit Stress verbunden. In Jerusalem habe sie am jüdischen Lichterfest Chanukka das Gegenteil erlebt. «Überall auf den Strassen wird gemeinsam gebetet und gesungen, das Gemeinschaftliche steht im Fokus, das berührt mich immer wieder.»
Warum Liv Wetli auf Dialog statt Polarisierung setzt
Heute findet Wetli, dass ambivalente Gefühle Platz haben und religiöse Menschen lernen müssen, diese Komplexität auszuhalten. Die Leute sollten zudem mehr nach Gemeinsamkeiten suchen, statt auf Unterschiede zu fokussieren. «Das führt aus meiner Sicht viel eher zu konstruktivem Dialog, der wiederum Offenheit mit sich bringt.»
Den Austausch fördern und fixe Vorstellungen aufbrechen möchte sie auch als Tiktokerin. «Wir wollen keine neue Wahrheit predigen, sondern die feministische Theologie als Perspektive bekannt machen, die bisher viel zu wenig präsent war», sagt Wetli.
