Veronika Wirz strahlt. Sie begrüsst eine Bekannte, umarmt sie, fragt nach, wie es ihr geht. Offen, zugewandt und ganz bei ihrem Gegenüber. «Ich kann mit allen schwatzen», sagt die 76-jährige Gastgeberin und lacht, es sei ihr in die Wiege gelegt worden, Menschen zusammenzubringen. Und das ist zu spüren.
An diesem Mittwochabend Ende August lässt sich ihr Talent gut beobachten. Im Begegnungszentrum Hoch3 der Kirchgemeinde Zürich-Witikon lädt sie zum Single-Znacht. Die Tische sind gedeckt und hübsch dekoriert, an der Bar neben dem Buffet gibt es heute statt Cappuccino Cocktails. Viele Gäste sind im Pensionsalter, einige deutlich jünger. Sie reden, lachen. Dann tritt Wirz vor die Runde. Ihre kurze Ansprache hat sie handschriftlich auf einem Zettel vorbereitet.
Vor etwa einem Jahr lud sie gemeinsam mit drei anderen engagierten Frauen zum ersten Single-Znacht. Mehr als 20 Personen kamen. Seither findet der Anlass einmal im Monat statt, heute haben sich über 30 Gäste angemeldet.
Alleinsein ist wunderbar
Eine Partnerbörse soll der Abend ausdrücklich nicht sein. Geschiedene, Verwitwete und Menschen, die nie geheiratet haben, sollen hier einfach zusammenkommen. Denn mit dem Wort «Single» werde viel zu schnell Einsamkeit verbunden, findet Wirz. Alleinsein wolle zwar gelernt sein. «Aber dann ist es ganz wunderbar.» Die Voraussetzungen dazu seien Neugier und Offenheit. Immer wieder aufbrechen, die Fühler ausstrecken, Neues wagen: Darin liegt für Wirz das Geheimnis eines zufriedenen Single-Lebens.
Ihr schwebt eine Art «Care-Community» vor: vertraute Gesichter im Quartier, Menschen, die einander kennen, im Blick behalten und sich gegenseitig unterstützen.
Am Nebentisch wird längst lebhaft diskutiert. Wirz winkt jemandem zu und erzählt dabei weiter. Sie weiss selbst, was es heisst, wenn ein Leben neu geordnet werden muss. Sie hat vier Kinder und war elf Jahre alleinerziehend, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte. «Ich musste neuen Boden finden.» Für einen Moment wird ihr wacher Blick nachdenklich. Eine neue Partnerschaft suchte sie später nicht mehr.
Aus Umbrüchen etwas Neues entstehen zu lassen, das zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Als 2015 Geflüchtete nach Witikon kamen, organisierte sie Begegnungen und Deutschunterricht. Später entstand «Heimat im Kochtopf»: Geflüchtete kochten Gerichte aus ihren Herkunftsländern, so kamen bis zu 180 Menschen zusammen.
Vertrauen in das Leben
Tagsüber ist das helle Café, das von der reformierten Kirchgemeinde betrieben wird, ein im Quartier beliebter Treffpunkt. Täglich gibt es ein frisch gekochtes Mittagessen sowie viele Gespräche zwischen Tür und Angel. Wirz liebt es, einmal pro Woche als freiwillige Gastgeberin mitzuarbeiten. Früher war sie Lehrerin, engagierte sich in der Kirchenpflege und wirkte viele Jahre lang als Organistin und Chorleiterin. Noch heute singt sie im Collegium Vocale Grossmünster.
Auf die Frage, ob sie gläubig sei, spricht sie lieber von ihrem Vertrauen ins Leben. Und vom Üben. Seit der Kindheit begleitet sie das musikalische Üben, seit rund 30 Jahren sitzt sie zudem jeden Morgen auf ihrem Sitzkissen. «Die tägliche Praxis gibt mir einen guten Boden.»
Stillstehen aber gehört nicht zu ihren grossen Talenten. Kaum hat Veronika Wirz den Satz beendet, ist sie schon wieder aufgestanden, holt etwas, begrüsst jemanden, bleibt für einen kurzen Schwatz stehen. Dann setzt sie sich wieder an den Tisch und erzählt weiter.
Kürzlich sei ihr nachts sogar der Gedanke gekommen, ein Mann wäre manchmal ganz praktisch: einer, der am Abend auch mal Feierabend macht. Und damit vielleicht auch sie einmal etwas zum Innehalten bringen könnte.
