Seit fast vierzig Jahren lebt Frère Richard in der ökumenischen Kommunität von Taizé. Nach der Matura war der Sohn eines evangelischen Predigers schon fürs Theologiestudium in Bern angemeldet. Vorher wollte er noch eine Schweigezeit in Taizé verbringen, das er von früheren Aufenthalten kannte. Und dann blieb er, trat mit zwanzig in die Gemeinschaft ein.
DieWeltaufBesuch. In der ersten Zeit in Taizé begleitete den Neuling das Bild einer Bergwanderung. Wieso den Weg wechseln, wenn die gewählte Aufstiegsroute nicht gleich gefällt, und dabei riskieren, gar nie auf den Gipfel zu gelangen? «Ein sehr weiter Horizont» habe sich ihm im einfachen Leben in Gütergemeinschaft und Zölibat aufgetan. «Man könnte es auch eine mystische Erfahrung nennen», fügt er an. In Taizé wirkt Frère Richard vor allem bei den Jugendtreffen, der theologischen Arbeit, der Ausbildung der jüngeren Brüder mit. Und wie alle anderen hat er auch Aufgaben im Haushalt und hilft in der Töpferei. Diese sorgt nebst dem Verkauf von Musik, Büchern, Ikonen und anderen geistlichen Souvenirs für den Unterhalt der Brüder. Denn an den jährlich 70 000 Übernachtungen verdienen sie nichts.
Der Gründer der Gemeinschaft, der Schweizer Reformierte Roger Schutz war 1940 nach Taizé gekommen. Neun Jahre später verpflichteten sich die ersten sieben Gefährten zu lebenslanger Gemeinschaft. Schon bald suchten viele junge Leute die Nähe der Brüder. Auch heute ist die Faszination Taizé ungebrochen. Jedes Jahr strömen Tausende in den kleinen Ort im Burgund. An Ostern und im Sommer, sind die 2500 Plätze in den Schlafsälen belegt und der grosse Zeltplatz dennoch voll. Das ist umso erstaunlicher, weil die jugendlichen Gäste dort kein cooles Openair-Festival erwartet.Taizé, das bedeutet Mithilfe beim Kochen, Putzen, Aufräumen, kein Alkohol. Und vor allem: Teilnahme an den drei täglichen Gebeten und den Bibel-Gesprächsgruppen. Trotz der berühmten eingängigen Lieder gibt es hier «kein Christentum light». Am Freitag und Samstag stehen immer Passion und Auferstehung im Zentrum der Gebete. Keine Rede davon, sperrige Themen wegzulassen. «Das Geheimnis von Ostern, die Hoffnung auf ein neues Leben – darauf gründet ja der christliche Glaube», sagt Frère Richard.
Während der Glaube klar vorgelebt wird, bleibt die ökumenische Kommunität ansonsten lieber freischwebend. Sie hat keinen kirchenrechtlichen Status, ist weder evangelisch noch katholisch. Ihr Gründer, Frère Roger, betonte immer wieder, dass es nie eine Bewegung, eine Theologie von Taizé geben wird. Daran halten sich auch heute die siebzig «frères» im Burgund und ihre zwanzig Mitbrüder auf anderen Kontinenten. Sie sind ganz unterschiedlicher Konfession und wollen nicht mehr sein als ein «Gleichnis für Gemeinschaft», wie es Frère Richard ausdrückt. Eine Gemeinschaft, die auch der Welt zugewandt ist.
ZuBesuchinderWelt. In den Anfängen der Gemeinschaft während des Zweiten Weltkriegs versteckten die Brüderjüdische und andere Flüchtlinge. Ende 2015 nahmen sie elf Menschen aus dem «Dschungel», dem unterdessen geräumten Flüchtlingscamp in Calais, auf. Bis auf eine Ausnahme haben die Gestrandeten inzwischen Asyl bekommen in Frankreich. Im Moment beherbergt die Kommunität minderjährige Asylsuchende.
Und wie andere Brüder ist auch Frère Richard oft für Taizé auf Reisen. Er pflegt vor allem Kontakte in Südosteuropa, angefangen hat sein Engagement während des Kriegs in Ex-Jugoslawien. Einige seiner Mitbrüder werden im Mai nach St. Louis (USA) reisen. Kirchen im von Rassenkonflikten zerrissenen Vorort Ferguson haben sie eingeladen. «Wir halten keine grossen Predigten, sondern sind einfach da, hören zu und nehmen am Gebet teil», erklärt Frère Richard.
Wie verbindend die Taizé-Liturgie mit ihren meditativen Gesängen wirkt, zeigte sich an der Abendfeier in der vollen Winterthurer Stadtkirche. Dort lud Frère Richard auch zum nächsten Taizé-Jugendtreffen ein, das Ende 2017 in Basel stattfindet.