Schwerpunkt 27. Oktober 2026, von Rita Gianelli

Essenziell ist der Glaube an die Heilung

«zVisite» – Heilung

Der Arzt Lama Dietschy praktiziert tibetische Medizin. Auf Wunsch auch mit einem Gebet oder Meditation. 

«Für einen Buddhisten gibt es zwei Wege, sinnvoll in der Welt zu wirken», sagt Lama Dietschy: «Sich und andere zu bilden oder Menschen von Krankheiten zu heilen.» Lama ist im tibetischen Buddhismus der Titel für geistliche Führer oder Gelehrte. Als Spross einer Lama-Dynastie aus Osttibet hat Lama Dietschy schon in den Jugendjahren die Berufung zum Heilen gespürt. Mehr als zwölf Jahre studierte er Medizin und traditionelle tibetische Medizin (TTM). Heute ist er als Arzt der klassischen Schulmedizin sowie der traditionellen tibetischen und chinesischen Medizin tätig. 

Eine Analogie zur Natur 

Lama Dietschy praktiziert in Bern mit einer deutschen Ärztin TTM. Er begibt sich ins Behandlungszimmer zu einer Patientin mit Darmkrebs. Sie erhält eine Moxibustion. Dabei werden Körperpunkte gezielt erwärmt. Lama Dietschy verabreicht der Patientin dazu Wärmepflaster mit kleinen Mengen von getrockneten Beifussfasern (Moxa), verteilt auf bestimmte Stellen am Rücken. Die Wärme soll die Abwehrkräfte der Patientin stimulieren. 

Bevor Lama Dietschy Therapien wie die Moxibustion anwendet, führt er eine ärztliche Anamnese durch. Sie beinhaltet, analog zu den fünf Naturelementen, fünf Teile: das Gespräch über Biografie und Emotionen; die Pulsdiagnose; Untersuchung der Sinnesorgane; Untersuchung der Ausscheidungen und das Abtasten des Körpers. «Als Arzt muss ich wissen, was für ein Mensch vor mir sitzt», sagt der tibetische Lama, der durch die Heirat mit einer Schweizerin zu seinem Familiennamen gekommen ist. 

Dann erstellt der Arzt einen abgestimmten Ernährungsplan. In einem weiteren Schritt hilft er seinen Patientinnen und Patienten, zu einer positiven Haltung zu kommen. «Aus buddhistischer Sicht spielt die Geisteshaltung die wichtigste Rolle beim Gesundwerden.» Auf Wunsch biete er auch eine Meditation oder ein Gebet an. So gesehen sei TTM auch eine Art Lebensberatung.
Die Therapien von Lama Dietschy umfassen Schröpfen, Aderlass, Räucherungen, Massagen, Akupunktur, auch in Kombination mit Medikamenten. Mehr als 3700 tibetische Rezepturen sind im Lehrsystem der TTM dokumentiert.

Ein paar wenige werden auch in der Schweiz produziert. Er bedauere, so Dietschy, der international als Dozent und Forscher tätig ist, dass das Wissen über Naturmedizin hierzulande in den Kinderschuhen stecke. «Naturmedizin wirkt langsam, aber nachhaltig. Schulmedizin wirkt schnell, aber wenig nachhaltig. Eine Kombination beider Lehren wäre für das Gesundheitswesen ein Gewinn», meint er. 

Teil des grossen Ganzen 

Eine Patientin, die nach einem Unfall an chronischen Schmerzen leidet, pflichtet ihm bei. Der ganzheitliche Ansatz sei interessant. «Nie zuvor bin ich etwa auf die Ernährung sensibilisiert worden.» Nach wie vor brauche sie Schmerzmittel. «Doch die mentale Unterstützung, die in der TTM integriert ist, erleichtert mir den Umgang mit dem Schmerz. Ich schlafe heute besser», lautet ihr Fazit. 

Ihm falle auch auf, so Lama Dietschy, dass religiöse Menschen weniger ängstlich seien. «Ich denke, sie fühlen sich als Teil eines grossen Ganzen.» Der Glaube an Heilung sei essenziell. «Daraus entsteht eine Verbindung, die für mich zum Heilen nötig ist.» 

«zVisite»

Dieser Text ist eine Produktion der interreligiösen Zeitung «zVisite». zVisite ist eine Kooperation von reformiert., die evangelisch-reformierte Zeitung, Forum, katholisches Pfarrblatt Kanton Zürich, tachles, das jüdische Wochenmagazin, Lichtblick, Zeitung der römisch-katholischen Pfarreien des Kantons Aargau, Christkatholisch, Zeitschrift der Christkatholischen Kirche, Kirchenbote, evangelisch-reformierte Zeitung BS, BL, SO, SH und Zentralschweiz, dem katholischen Pfarrblatt Bern und dem Online-Magazin religion.ch der interreligiösen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz, Iras Cotis.