Vincent Kompany, Trainer von Bayern München, fand an einer Pressekonferenz deutliche Worte, nachdem Real-Madrid-Star Vinícius Júnior von einem Gegenspieler rassistisch beleidigt worden war. Wie wichtig sind solche Statements?
Extrem wichtig. Kompany ist da ein grosses Vorbild. Nicht nur für den Fussball. Wir brauchen einflussreiche Persönlichkeiten, die ihre Bühne nutzen, um so klug und glaubwürdig gegen Rassismus Stellung zu beziehen wie er. Das wird die Fussballkultur verändern.
Und die männlich geprägte Fussballkultur hat Veränderung nötig?
Ich glaube schon. Das Klischee vom Trainer, der laut ist, bei den Schiedsrichtern reklamiert, das Team zusammenstaucht, ist weitverbreitet. Dieses Verhalten eines Fussballtrainers finden sehr viele normal. Es ist aber nicht in Ordnung. Wenn ich mich als Trainerin nicht im Griff habe, kann ich das auch nicht von meinen Spielerinnen erwarten.
Wie ist ein Wandel möglich?
Indem wir Missstände sichtbar machen und vorleben, dass Rassismus und Homophobie im Fussball keinen Platz haben. So, wie es eben Vincent Kompany gemacht hat. Die Fussballkultur wandelt sich auch, wenn mehr Frauen Schiedsrichterinnen oder Trainerinnen sind.
Führen Frauen also anders?
Teilweise ja. Da unterscheidet sich der Sport nicht von der Wirtschaft. Im Durchschnitt involvieren Frauen stärker. Die Spielerinnen wollen mehr einbezogen werden.
Haben Sie ein Beispiel?
Coaches haben ihre Spieler früher wohl oft ohne Erklärung auf einen Waldlauf geschickt. Frauen wollen wissen, warum sie rennen sollen, statt mit dem Ball an ihrer Technik zu arbeiten. Wenn sie verstehen, warum sie etwas machen müssen, setzen sie die Anweisungen auch um, dann muss ich das nicht einmal kontrollieren. Dieser kooperative Führungsstil bringt auf Dauer mehr als Befehl und Kontrolle. Ich glaube, dass die junge Generation – auch die Jungs – allgemein immer mehr verstehen will. Ich wage zu behaupten, dass heutzutage zahlreiche Jugendliche oder auch viele Erwachsene aufblühen würden unter einem partizipativen Führungsstil.
Werden Sie gehört, wenn Sie in einer Männerdomäne für einen weiblichen Führungsstil plädieren?
Viele haben nicht darauf gewartet. Der harte Trainer ist halt das, was man im Fussball kennt. Wir brauchen mehr Frauen und Männer, die eine neue Führungskultur leben.
Und Erfolge, um zu überzeugen.
Langfristig ist die kooperative Führung erfolgreicher. Macht und Druck nutzen sich ab.
Aber im Fussball geht es oft um kurzfristige Erfolge: den Abstieg verhindern, in letzter Sekunde den Europacupplatz sichern.
Der Druck ist gross, das stimmt. Aber Studien zeigen, dass ein Umdenken für den langfristigen Erfolg wichtig ist. Eine kooperative, achtsame Kultur schützt auch die körperliche und mentale Gesundheit von Spielerinnen und Spielern.
Haben Sie eine solche Kultur im Spitzenfussball schon erlebt?
Ja, als ich bei der Frauennationalmannschaft Assistentin des damaligen Trainers Nils Nielsen war, hat er versucht, in diese Richtung zu gehen. Auch beim FC St. Gallen haben wir das bei den Super-League-Frauen so vier Jahre gelebt, und ich weiss vom Nationaltrainer der U20, Gian-Luca Privitelli, dass er so im Männer-Spitzenfussball führt.