«Macht und Druck nutzen sich ab»

Sport

Der Fussball kann die Gesellschaft verändern, sagt Marisa Wunderlin. Die Sportdirektorin der FC-Thun-Frauen findet, dass sich die Männer einiges vom Frauenfussball abgucken können.

Keine Gewalt, keine hasserfüllten Gesänge, keine Rudelbildung, kaum Tätlichkeiten im Spiel. Ist Frauenfussball der bessere Fussball?  

Marisa Wunderlin: Frauenfussball ist anders. Ich werde mich hüten, Frauenfussball und Männerfussball gegeneinander auszuspielen. Das gäbe eine schöne Schlagzeile!  

Welche denn? 

Als Frau im Fussballgeschäft habe ich meine Erfahrungen mit zugespitzten Schlagzeilen gemacht. Den Frauenfussball bringt es nicht weiter, wenn er sich gegen den Männerfussball ausspielen lässt. Für viele Kinder ist Fussball essenziell. Hier lernen sie, sich in eine Gruppe einzufügen, gewinnen Selbstvertrauen, auch Integration findet statt. Und in den Stadien kommen ganz unterschiedliche Menschen zusammen, die Leidenschaft für den Fussball eint sie. Das kann je nach Menge von Zuschauenden insbesondere auch im Männerfussball zu Problemen führen. Fankurven sind teils auch Treff und Ansammlung junger Leute, die sonst anderswo für Radau sorgen würden, wären sie nicht im Stadion. Was ihr Verhalten natürlich nicht besser macht!   

Dennoch ist auffällig, dass sich auf dem Platz Frauen fairer verhalten. 

Fussballerinnen sind sich ihrer Vorbildrolle bewusst. Sie spielen mit ihren Gegnerinnen für eine grössere Sache: die Sichtbarkeit und Entwicklung des Frauenfussballs, des Frauensports überhaupt, für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Das Bewusstsein ermöglicht Szenen wie jene nach dem EM-Viertelfinale, als die Schweiz als Gastgeberin gegen Spanien ausschied und die Siegerinnen für sie Spalier standen.

Marisa Wunderlin

Seit Anfang Jahr ist Marisa Wunderlin Sportdirektorin der Frauenabteilung des FC Thun, dessen Männerteam Schweizer Meister wurde. Zuvor arbeitete sie als Trainerin bei YB und dem FC St. Gallen. 2019 bis 2022 war sie unter Nils Nielsen Assistenztrainerin des Frauennationalteams. Als eine von nur drei Frauen in der Schweiz hat Wunderlin das Uefa-Pro-Diplom. 

Sollten die Männer da nicht von den Frauen lernen?   

Ich finde es wunderbar, wenn sie sich etwas vom Frauenfussball abschauen. Wir können umgekehrt auch von den Männern lernen.

Was denn?

In der Professionalisierung. Auch wir brauchen einen Businessplan, Sponsoring oder Vermarktung.  

Ist es überhaupt noch angebracht, ständig zwischen Männer- und Frauenfussball zu unterscheiden?

Natürlich wäre es schön, wir könnten einfach von Fussball reden. Aber die Unterscheidung ist oft sinnvoll. Ich bin auch stolz auf viele Eigenheiten des Frauenfussballs. Zudem wandeln sich die Sprache und die automatischen Schlussfolgerungen. Vor ein paar Wochen habe ich gehört, wie jemand von einem tollen Spiel schwärmte. Das Gegenüber hat dann plötzlich nachgefragt: «Ah, du sprichst vom Frauen-Champions-League-Spiel und nicht von Männerfussball, oder?» 

Eben: Noch immer denken viele bei Fussball zuerst an die Männer. 

Ja, aber es hat sich schon unglaublich viel verändert. Und die EM hat einen enormen Schub ausgelöst. Die frühere Torhüterin der Schweizer Nationalmannschaft, Gaëlle Thalmann, erzählte mir, wie sie als Kind davon träumte, einmal im gleichen Team wie die Männer mitzuspielen. Dass sie in einer Frauenliga professionell Fussball spielen könnte: Diese Möglichkeit gab es in ihrem Kopf nicht. Heute sagen siebenjährige Mädchen, dass sie Profi werden wollen, und denken dabei an die Frauenteams und Vorbilder, die sie im Stadion sehen und mit deren Leibchen sie ins Training gehen.   

Sie sprachen die EM im letzten Jahr an. Was braucht es, damit dieser Schub kein Strohfeuer bleibt? 

Die Entwicklung ist unumkehrbar. Wir brauchen viele Menschen, die anpacken, und Unternehmen, die investieren. Dass es sich lohnt, zeigen verschiedenste Marktstudien.  

Fussball ist nicht nur ein Geschäft, er ist auch ein Spiel. Was bedeutet Ihnen dieser Sport persönlich?

Mich treiben Themen um wie Chancengleichheit oder Selbstwirksamkeit von Mädchen und Frauen. Der Fussball bietet mir die Möglichkeit, mich in diesen Fragen sinnvoll zu engagieren und etwas zu bewirken. Wäre ich Schreinerin geworden, so würde ich mich in dieser Branche für die gleichen Themen einsetzen.

Seit wann ist Fussball Ihr Beruf?

Vor etwa sieben Jahren entschloss ich mich, voll auf die Karte Fussball zu setzen. Obwohl ich schon vorher einen Grossteil meiner Arbeitszeit für die Tätigkeit als Trainerin investiert hatte. Ich wollte wissen, wie weit ich es als Coach bringen und wie gut ich werden kann. Also gab ich meine Teilzeitstelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesamt für Sport auf. Ich arbeitete beim Männerteam des SC Kriens als Athletiktrainerin und kombinierte dies mit 50 Stellenprozent als Assistenztrainerin der Frauennationalmannschaft, diese Funktion hatte ich bereits davor inne.

Würden Sie gerne ein Männerteam als Cheftrainerin übernehmen? 

Das strebe ich nicht an. Aber es wäre spannend, mich besser auf einzelne Aspekte konzentrieren zu können. Im Männerfussball gibt es viel mehr Personal: mehrere Assistenten, Videoanalysten, Konditionstrainer. Vermissen würde ich die grosse Vision des Frauenfussballs, die Aufbruchstimmung, die hier herrscht. 

FC Wiedikon

Für «reformiert.» haben Fussballerinnen des FC Wiedikon posiert. Sie spielen im Team der D1-Juniorinnen. Der Frauenfussball ist im Zürcher Quartierverein seit 2017 präsent, als zwei Spielerinnen für die Gründung eines Ligateams die Initiative ergriffen. Inzwischen hat sich auch die Juniorinnenabteilung im Verein etabliert.

Mit Marie-Louise Eta bei Union Berlin ist erstmals eine Trainerin auf der höchsten Profistufe in der Männerbundesliga angekommen. Wie beurteilen Sie die Berufung?

Ich bewundere Marie-Louise Eta. Sie und Union Berlin stehen extrem im Fokus und unter Druck. Dennoch lässt sie sich nie zu einer unbedachten Äusserung hinreissen. Als Frau im Männerfussball musst du noch immer viel aushalten. Sie hilft uns, dies Schritt für Schritt zu ändern.   

Welche Erfahrungen machten Sie?  

Als ich noch Athletiktrainerin beim SC Kriens war, bekam ich mehrere Interviewanfragen. Es ging dabei im Kern immer um mich als Frau im Männerfussball. Ich kann das Interesse verstehen, und trotzdem wurde mir da auch bewusst, dass es eben einfach noch Zeit braucht.   

Mussten Sie sich auch von den Spielern dumme Sprüche anhören?  

Nein, niemals. Vielmehr erlebte ich sehr viel Wertschätzung und wurde meines Erachtens wie die anderen Coaches behandelt.   

Ist Etas temporäre Verpflichtung nur ein Coup oder nachhaltig?  

Auch hier gibt es kein Zurück. Jede Frau, die im professionellen Männerfussball eine wichtige Rolle ausübt, hat einen Einfluss. Auch wenn es darum geht, dass Mädchen Marie-Louise Eta im Fernsehen sehen und sich dabei denken: Das könnte ich auch einmal machen.   

Gerne wird die Integrationskraft des Fussballs betont. Zugleich wird knallhart selektioniert. Wie kann man das Integrative bewahren und gleichzeitig Erfolg haben? 

Es braucht beides. In vielen Fussballvereinen kommen Spielerinnen und Spieler aus ganz unterschiedlichen sozialen Welten zusammen. Im Breitensport steht die Integration im Vordergrund. Aber auch der Spitzenfussball ist integrativ, weil er nach Leistung und nicht nach Herkunft selektioniert. Dort bilden Studentinnen und Handwerkerinnen, Migrantinnen und Einheimische eine Gemeinschaft, lernen voneinander und bauen etwas auf.   

Inwiefern muss die Trainerin die unterschiedlichen Lebenswelten der Spielerinnen berücksichtigen? 

Kulturelle Unterschiede treten in den Hintergrund, weil der Teamgedanke im Fokus ist. Alle erleben zusammen Hochs und Tiefs. Das verbindet. Aber natürlich spielen auch individuelle Bedürfnisse eine Rolle. Zum Beispiel, wenn eine Spielerin oder ein Spieler Ramadan hält. Ich habe als Coach auch das Thema Rassismus schon thematisiert.

Vincent Kompany, Trainer von Bayern München, fand an einer Pres­sekonferenz deutliche Worte, nachdem Real-Madrid-Star Vinícius Júnior von einem Gegenspieler rassistisch beleidigt worden war. Wie wichtig sind solche Statements? 

Extrem wichtig. Kompany ist da ein grosses Vorbild. Nicht nur für den Fussball. Wir brauchen einflussreiche Persönlichkeiten, die ihre Bühne nutzen, um so klug und glaubwürdig gegen Rassismus Stellung zu beziehen wie er. Das wird die Fussballkultur verändern.

Und die männlich geprägte Fussballkultur hat Veränderung nötig?  

Ich glaube schon. Das Klischee vom Trainer, der laut ist, bei den Schiedsrichtern reklamiert, das Team zusammenstaucht, ist weitverbreitet. Dieses Verhalten eines Fussballtrainers finden sehr viele normal. Es ist aber nicht in Ordnung. Wenn ich mich als Trainerin nicht im Griff habe, kann ich das auch nicht von meinen Spielerinnen erwarten.

Wie ist ein Wandel möglich?

Indem wir Missstände sichtbar machen und vorleben, dass Rassismus und Homophobie im Fussball keinen Platz haben. So, wie es eben Vincent Kompany gemacht hat. Die Fussballkultur wandelt sich auch, wenn mehr Frauen Schiedsrichterinnen oder Trainerinnen sind.

Führen Frauen also anders?

Teilweise ja. Da unterscheidet sich der Sport nicht von der Wirtschaft. Im Durchschnitt involvieren Frauen stärker. Die Spielerinnen wollen mehr einbezogen werden.

Haben Sie ein Beispiel?

Coaches haben ihre Spieler früher wohl oft ohne Erklärung auf einen Waldlauf geschickt. Frauen wollen wissen, warum sie rennen sollen, statt mit dem Ball an ihrer Technik zu arbeiten. Wenn sie verstehen, warum sie etwas machen müssen, setzen sie die Anweisungen auch um, dann muss ich das nicht einmal kontrollieren. Dieser kooperative Führungsstil bringt auf Dauer mehr als Befehl und Kontrolle. Ich glaube, dass die junge Generation – auch die Jungs – allgemein immer mehr verstehen will. Ich wage zu behaupten, dass heutzutage zahlreiche Jugendliche oder auch viele Erwachsene aufblühen würden unter einem partizipativen Führungsstil. 

Werden Sie gehört, wenn Sie in einer Männerdomäne für einen weiblichen Führungsstil plädieren?  

Viele haben nicht darauf gewartet. Der harte Trainer ist halt das, was man im Fussball kennt. Wir brauchen mehr Frauen und Männer, die eine neue Führungskultur leben.   

Und Erfolge, um zu überzeugen.

Langfristig ist die kooperative Führung erfolgreicher. Macht und Druck nutzen sich ab.   

Aber im Fussball geht es oft um kurzfristige Erfolge: den Abstieg ver­hindern, in letzter Sekunde den Europacupplatz sichern.

Der Druck ist gross, das stimmt. Aber Studien zeigen, dass ein Umdenken für den langfristigen Erfolg wichtig ist. Eine kooperative, achtsame Kultur schützt auch die körperliche und mentale Gesundheit von Spielerinnen und Spielern.   

Haben Sie eine solche Kultur im Spitzenfussball schon erlebt?  

Ja, als ich bei der Frauennationalmannschaft Assistentin des damaligen Trainers Nils Nielsen war, hat er versucht, in diese Richtung zu gehen. Auch beim FC St. Gallen haben wir das bei den Super-League-Frauen so vier Jahre gelebt, und ich weiss vom Nationaltrainer der U20, Gian­-Luca Privitelli, dass er so im Männer-Spitzenfussball führt. 

Bald beginnt die WM der Männer. Freuen Sie sich auf die Spiele?  

Ich habe mich noch nicht gross damit beschäftigt. Das Turnier hat für mich keine Priorität.   

Ist Ihnen der Kommerz der Fifa verleidet oder stören Sie sich am Duo Trump und Infantino? 

Meine Wut, mein Boykott würden doch nichts verändern. Ich bin nicht bereit, dafür Energie zu verschwenden. Was ich beeinflussen kann, ist das Auftreten im Frauenfussball. Oder ich kann hier beim FC Thun dazu beitragen, dass die Frauenabteilung nicht mehr aus dem Verein wegzudenken ist. Kontrolliere, was du kontrollieren kannst, verschwende keine Kraft für Dinge, die du ohnehin nicht kontrollieren kannst: Das ist mein Lebensmotto.   

Das klingt ein bisschen wie ein Gelassenheitsgebet in Managementsprache. Spielt Spiritualität eine Rolle in Ihrem Leben?  

Ich würde mich nicht als gläubig bezeichnen, aber ich bin ein spirituell interessierter Mensch. Eigentlich würde ich dem Thema gerne mehr Raum geben. Achtsamkeit finde ich wichtig. Ich versuche, mir immer wieder bewusst zu werden, was mich wirklich glücklich macht und was ich getrost loslassen kann.   

Haben Sie Antworten gefunden?  

Es ist paradox, wie wir materiellen Dingen hinterherrennen. Ein schnelles Auto, das neuste Handy geben dem Ego einen Kick. Doch für tiefe, innere Zufriedenheit sind andere Sachen wichtiger als Besitz.   

Was macht Sie zufrieden?  

Wenn ich sehe, dass Mädchen oder junge Frauen für sich und das, was ihnen Freude macht, einstehen, geht mein Herz auf. Wenn ich dazu beitragen kann, dass sie sich weiterentwickeln, ihren Weg finden, dann bin ich am richtigen Ort. Es gibt mir unglaublich viel Kraft, Menschen wachsen zu sehen und sie auf diesem Weg zu begleiten.