Was Glauben und Fussball verbindet

Essay

Religion und Fussball bringen Menschen zusammen. Zugleich werden sie zuweilen für Macht und Gewalt instrumentalisiert. Wer das Spiel gewinnt, entscheiden Gläubige und Fussballfans.

Fussball ist ein Gefühl. Eine Sprache ohne Barrieren. Ich liebe die Momente, in denen ich mit mir unbekannten Menschen in einem Park spiele, wir uns freuen über einen gelungenen Pass oder einen Treffer zwischen einem Pullover und einem Schuh hindurch, die uns als Torpfosten dienen. An einige Kombinationen kann ich mich noch genau erinnern, selbst wenn ich meine Mitspieler nie mehr im Leben gesehen habe.

Oder ich oute mich bei einem Espresso mit meinen paar Brocken Italienisch als Anhänger der AC Milan. Nenne die Namen der Helden meiner Kindheit: Gullit und Van Basten, Baresi und Maldini, Zauberfuss Pirlo und Schlitzohr Inzaghi, das im Abseits geboren wurde. Da kann es passieren, dass ich in wildfremde Hände einschlagen darf. Vielleicht bekomme ich auch einen Vortrag zu hören, weshalb Stadtrivale Inter oder das religiös verehrte Napoli viel besser sei. Immer verlasse ich die Bar mit einem Lächeln, weil das Fussballgefühl beglückt und verbindet.

Eine eigentümliche Ruhe

Glaube ist ein Gefühl. Wenn ich in einer Kirche in einer fremden Stadt eine Kerze anzünde, mit Menschen, deren Sprache ich nicht verstehe, einen Kanon aus Taizé singe, im mehrsprachigen Stim-mengewirr das Unservater bete, geht mir das Herz auf. Geografische Grenzen und konfessionelle Gräben verschwinden.

FC Wiedikon

Für «reformiert.» haben Fussballerinnen des FC Wiedikon posiert. Sie spielen im Team der D1-Juniorinnen. Der Frauenfussball ist im Zürcher Quartierverein seit 2017 präsent, als zwei Spielerinnen für die Gründung eines Ligateams die Initiative ergriffen. Inzwischen hat sich auch die Juni­orinnenabteilung im Verein etabliert.

Auch in Tempeln, Synagogen und Moscheen überkommt mich eine Ruhe, die schwer in Worte zu fassen ist. Vielleicht hängt sie damit zusammen, dass ich nicht nur weiss, sondern auch fühle, was die Menschen hier suchen und über Jahrhunderte hinweg erfahren haben.

Koalition der Gläubigen

Oft halte ich in solchen Momenten andächtig inne, beginne beinahe von selbst zu beten in meiner eigenen Tradition. Die Erfahrung, dass mich Räume der Andacht, Verse und Gesänge über religiöse Grenzen hinweg berühren, steht für mich für eine Koalition der Gläubigen.

Menschen, die in einer religiösen Tradition aufgewachsen sind und sich darin beheimatet fühlen, wissen oft sofort, wovon ich spreche. Die Fragen von Leuten, die das nicht nachvollziehen können, lassen mich, wenn nicht verstummen, so doch um Worte ringen.

Der himmlische Glanz

Fussball und Religion teilen sich auch die Schattenseiten. Wie in der Vergangenheit die Könige den himmlischen Glanz der Kirche nutzten, um ihre Macht zu zelebrieren und zu zementieren, so sonnen sich heute die Mächtigen gerne in der Strahlkraft des Fussballs, der zur globalen Geldmaschine geworden ist.

Mein Herzensverein AC Milan kann ein Lied davon singen. Sein legendärer Präsident Silvio Berlusconi (1936–2023) verdankte seinen politischen Aufstieg wohl nicht zuletzt den Pokalen, die seine Fussballer gewannen.

Sowohl der Fussball als auch die Religion haben ein Gewaltproblem. Beide können spalten. Gewaltbereite Fangruppen machen mich so fassungslos wie religiöse Führer, die sich einspannen lassen für politische Hetze, statt dem Frieden zu dienen. Im Fussball wie in der Religion gilt: Machtkritik ist zentral. Religiöse Menschen wie Fussballfans können sich für das Gute entscheiden, indem sie das betonen, was verbindet, statt auf das zu fokussieren, was die Menschen trennt.

Gegen den Zweck

Natürlich ist Fussball nur ein Spiel. Vom Glauben hingegen erhoffe ich mir Halt, dass er mein Leben prägt. Beide aber verteidige ich gegen die Instrumentalisierung. Und das ist vielleicht die schönste Gemeinsamkeit: dass Fussball und Glaube ein grosses Stück Freiheit sind. Und vielen Menschen, die Woche für Woche ins Stadion pilgern, Gemeinschaft erleben, widersprüchliche Gefühle teilen, ist der Fussball ja wirklich ein bisschen Religion.

Ich bin glücklich, beides zu haben: Fussball und meine Religion. Weil beide zweckfrei und mir vielleicht deshalb so wichtig sind.