«Das Abschalten fällt vielen enorm schwer»

Crans-Montana

Seelsorgende in Zürcher Spitälern betreuten viele Angehörige der Brandopfer. Susanna Meyer Kunz über einen Einsatz, der an Grenzen ging und im Spital lange nachwirken wird. 

Das Universitätsspital Zürich hat nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana mehrere Schwerstverletzte aufgenommen. Wie haben Sie als Seelsorgerin diese schwierigen Tage erlebt?
Susanna Meyer Kunz: Ich hatte bis zum Jahresende Dienst und eigentlich ein paar freie Tage vor mir. Am Neujahrsmorgen weckte mich ein Alarm, der nur in Ausnahmefällen ausgelöst wird. Nachdem ich den ersten Lagebericht gelesen hatte, war klar, das wird ernst. Im USZ kommt bei besonderen oder aussergewöhnlichen Lagen eine ganze Logistik zum Tragen. Wir Seelsorgende sind in das interdisziplinäre Care-Team, das Angehörige schwer erkrankter Patientinnen und Patienten betreut, stark eingebunden. Mein katholischer Kollege leitet das Care-Team, ich bin für den Bereich Betreuung zuständig.

Was waren die ersten Schritte?
Das Verfahren in so einem Fall ist klar vorgegeben, wir sind dafür ausgebildet worden. Als Seelsorgende funktioniert man dann einfach, tut, was man gelernt hat. Erst bauen wir eine Infrastruktur auf. In der Nacht kamen bereits die ersten Patientinnen und Patienten. Es war klar, dass gegen Mittag Angehörige kommen. Wir haben für sie einen Raum nah am Eingang eingerichtet, etwas zu essen und trinken organisiert. Das ist aus notfallpsychologischer Sicht sehr hilfreich.

Inwiefern?
In Krisensituationen ist es wichtig, dass die Menschen etwas zu essen haben. Schon die Entscheidung, will ich ein Brötchen oder ein Sandwich, hilft, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken und in die Handlungsfähigkeit zu kommen. Als die ersten Angehörigen eintrafen, haben wir sie empfangen und jeweils Teammitgliedern zugeteilt. Weil viele Familien aus der Westschweiz kamen, waren vor allem Mitarbeitende mit Französischkenntnissen gefragt. 

Auch theologisch ist das brisant. Nicht umsonst heisst es in der Bibel bei Jesaja 43,1: «Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen.»

Wie konnte ihnen geholfen werden?
Wir nahmen Personalien auf und schauten, ob ein Patient oder eine Patientin mit einer entsprechenden Adresse im System ist. Zu Beginn konnten wir zahlreiche Familien zusammenführen, das waren gute Momente für alle Beteiligten. Wir fragten in der Abteilung nach, ob ein Besuch möglich sei, und begleiteten die Familien ans Krankenbett. Ich bemühte mich dann jeweils auch um ein kurzes Arztgespräch. Der erste Besuch war für viele Angehörige ein Schock. Aber es war eindrücklich zu sehen, wie Menschen am Krankenbett wachsen.

Manche Opfer konnten mehrere Tage nicht identifiziert werden.
Es war für die Pflegenden enorm belastend, Menschen nur noch über eine Nummer erfassen zu können. Auch theologisch ist das brisant. Nicht umsonst heisst es in der Bibel bei Jesaja 43,1: «Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen.» Menschen ohne Namen zu behandeln – das unterschied diesen Einsatz von anderen. 

Pflegefachfrau und Theologin

Pflegefachfrau und Theologin

Seit 2019 leitet Susanna Meyer Kunz die reformierte Spitalseelsorge am USZ. Zudem ist sie in leitender Funktion des interdisziplinären Care-Teams, das in besonderen und ausserordentliche Lagen zum Tragen kommt. Die 59-Jährige ist Pflegefachfrau, studierte später Theologie und bildete sich in Notfallpsychologie weiter. Im USZ sind 16 reformierte, katholische und muslimische Seelsorgende tätig.

Sehen Sie weitere Unterschiede zu anderen Kriseneinsätzen?
Brandverletzte gibt es im Unispital häufig. Und auch in Krisen funktioniert das Spital sehr gut. Nie war die Lage chaotisch, immer blieb es ruhig und professionell. Das tiefe Alter der Brandopfer löste bei vielen Mitarbeitenden aber eine besondere Betroffenheit aus. Viele haben selbst Kinder, so wie ich auch. Andere sind Auszubildende oder stehen am Berufsanfang und sind im gleichen Alter. Ein Pfleger sagte, er habe selbst noch eine Woche zuvor in einem Club gefeiert. Nun stehe er am Krankenbett eines jungen Menschen ohne Namen. Hinzu kam die Verzweiflung der Angehörigen auf der Suche nach ihren Kindern.

Was kann man Eltern in so einer Situation sagen?
Dass man da ist und da bleibt. Zuhört, auch wenn man in dem Moment keine Antwort hat. Das Care-Team bat die Angehörigen, Merkmale zu beschreiben, Bilder von Tattoos zu zeigen, die wir dann an die Abteilungen weiterleiteten. Als wir die Eltern später um DNA-Proben bitten konnten, war das hilfreich. Die schreienden, verzweifelten Eltern gingen mir sehr nahe. Viele riefen auf einer Hotline an, die wir mitbedienten. Ich telefonierte stundenlang und bat irgendwann auch einen Kollegen um ein Entlastungsgespräch. 

Im ganzen Haus spüre ich eine grosse Freundlichkeit und gegenseitige Fürsorge. Auch ausserhalb der Klinik ist die Solidarität gross.

Mittlerweile ist es ruhiger geworden, viele Patienten wurden verlegt. Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?
Es sind noch sechs Brandopfer hier, ihre Familien werden weiter betreut. So wurden wir von Angehörigen gebeten, in schwierigen Situationen dabei zu sein, etwa wenn einem Patienten die Nachricht überbracht wird, dass er Freunde verloren hat. Gleichzeitig kümmern wir uns weiterhin um alle anderen Patienten im Spital. Und nun vermehrt um die Mitarbeitenden.

Erhalten Sie mehr Anfragen vom Personal als sonst?
Definitiv. Es geht oft um Psychoedukation, zu erklären, dass gewisse Gefühle nach solchen Krisen normal sind, etwa Reizbarkeit oder das Gefühl, verletzlicher zu sein. Wichtig ist dann Selbstfürsorge: einen Spaziergang machen, Ruhe finden. Das Abschalten fällt vielen enorm schwer, das merke ich selbst. Das Ziel ist, nach und nach wieder in einen normalen Alltag zu finden.

Wie ist die Stimmung im Spital?
Besonders. Im ganzen Haus spüre ich eine grosse Freundlichkeit und gegenseitige Fürsorge. Auch ausserhalb der Klinik ist die Solidarität gross. Seelsorgende aus anderen Spitälern boten Hilfe an, erkundigten sich, wie es uns geht. Hätte die Krise angedauert, hätten wir das auch in Anspruch genommen. Auch mit den Kolleginnen im Kinderspital war ich im Austausch. 

Die Kirche ist fähig Übergänge zu gestalten, einen Ausdruck für Trauer zu finden. Das ist ein grosser Schatz, eine entscheidede Ressource.

Der Umgang mit Trauernden ist ein wesentlicher Teil Ihrer Arbeit. Inwiefern ist ein nationaler Trauertag wichtig für die Familien und Freunde der Opfer oder gar für das ganze Land?
Für die direkt Betroffenen zählt vor allem, Solidarität zu spüren und wahrgenommen zu werden. Trauer ist ja etwas, das in unserer Gesellschaft kaum Raum erhält. Viele Arbeitgeber erwarten, dass man nach einem Trauerfall am Tag nach der Beerdigung wieder im Büro erscheint. Dabei braucht es Zäsuren, man kann nicht einfach immer weitermachen wie zuvor. Bei diesen Zäsuren spielt die Kirche eine wichtige Rolle.

Was kann sie beitragen?
Wir sind fähig, Übergänge zu gestalten, einen Ausdruck für Trauer zu finden. Das ist ein grosser Schatz, eine entscheidende Ressource, und das müssen wir in solchen Momenten leben. Wenn einem der Boden unter den Füssen wegbricht und das Kohärenzgefühl verloren geht, dann geht es darum, wieder Halt zu finden. Stille, das Anzünden einer Kerze, das Sprechen eines Gebets – das ist in solchen Momenten etwas Kostbares. 

Seelsorgerinnen im Kispi: «Der Grossteil der Arbeit steht noch bevor.»

Im Kinderspital Zürich sind für die reformierte Kirche die Seelsorgerinnen Pascale Killias und Susanna Klöti im Einsatz. «Die Tage nach Jahresbeginn waren enorm intensiv, das war eine Situation, wie wir sie noch nie erlebt haben», sagt Killias, die seit zehn Jahren am Spital tätig ist. Mittlerweile ist es im Kispi wieder ruhiger geworden, fünf Brandopfer werden dort langfristig behandelt. Klöti geht jedoch davon aus, dass ein Grossteil der Arbeit noch vor ihr und Kollegin Killias liegt. «Wenn die allgemeine Aufmerksamkeit  schwindet, wird es schwierig für die Angehörigen, nicht in ein Loch zu fallen.» In eine neue Normalität zu finden, sei eine enorme Herausforderung. Auch im Kispi rücken nun die Mitarbeitenden vermehrt in den Fokus. Gespräche würden gern angenommen, so die Seelsorgerinnen. Zur Ruhe zu kommen, falle vielen Mitarbeitenden schwerer als sonst, auch weil die Situation ausserhalb der Arbeit noch omnipräsent sei. «Nach der Arbeit fragt das Umfeld, hinzu kommt eine intensive Medienberichterstattung», sagt Klöti.