Wenn Gedanken sich verdichten

Schreibtisch

Pfarrer Simon Becker arbeitet an drei Schreibtischen. Sie kommen aus unterschiedlichen Zeiten und dienen verschiedenen Zwecken.

«Ich habe noch nicht so lange drei Schreibtische. Das hat sich nach und nach ergeben. Mein erster ist der mittlere. Den habe ich während meines Studiums in Tübingen gebraucht erworben. In der Mitte ist die Zentrale, dort steht der Computer, alles kommt zusammen. Bei diesem in die Jahre gekommenen Holztisch ist das Funktionale im Vordergrund, nicht die Schönheit. 

Den zweiten Schreibtisch habe ich damals für meine Frau Ya-Ping selbst gebaut. Sie brauchte ihn für ihre Arbeit, doch Geld für einen neuen hatten wir nicht. Da sie keine gebrauchten Möbel mag, habe ich ihr den Tisch aus Rotkernbuche gezimmert. Ich bin kein gelernter Handwerker, entsprechend schlicht ist er geraten, dafür ist er stabil. 

Der selbst gebaute Tisch 

Inzwischen hat meine Frau einen neuen Schreibtisch. Trotzdem wollte ich den selbst gebauten Tisch behalten, weil er ein Stück Geschichte für mich ist. Darauf lege ich vor allem Materialien aus dem Pfarramt ab. Etwa die Mappen der Konfirmanden bis zum nächsten Unterricht, eine Predigt, die ich noch als Audiodatei einsprechen will, oder den theologischen Kommentar zur Liturgie des nächsten Gottesdienstes. 

In meinem Pfarrhaus habe ich ein grosses Arbeitszimmer und den Platz, noch einen dritten Schreibtisch aufzustellen. Ich arbeite wieder an einem Buch. Alles, was ich dafür brauche, liegt auf diesem funktionalen Büromöbel, das im Stil der 1960er-Jahre gebaut ist. 

Ich bin immer auf der Suche nach dem Wesentlichen.
Simon Becker, Pfarrer

Den Tisch für das Bücherschreiben habe ich von einem Pfarrkollegen übernommen. Zurzeit liegt dort fast nur literarisches Material zum Thema ‹Gewissen›, darum geht es in meinem neuen Buch, das ich schreibe. Daneben ein Heftchen, in das ich meine Notizen aus dem Gelesenen aufzeichne. 

Als jemand, der viel Zeit am Schreibtisch verbringt, habe ich Massnahmen getroffen, um Rückenschmerzen vorzubeugen. Ich wechsle zum Beispiel den Stuhl, manchmal stehe ich auch. 

Natürlich unterbrechen Anfragen und Aufgaben aus dem Pfarramt regelmässig meine Schreibtischarbeit. Das ist auch gut so. Ich stehe dann regelmässig auf und komme auch einmal aus dem Haus. 

Ein Möbel ist wie ein Spiegel 

Ich besitze ausschliesslich gebrauchte Schreibtische, weil ich mein Geld lieber in andere Dinge investiert habe, etwa in die Gesamtausgabe des Philosophen Martin Heidegger. Zudem bringen Schreibtische, an denen auch schon andere studiert und geschrieben haben, ihre eigenen Geschichten mit. Das entspricht meinem Gemüt. 

Ich bin immer auf der Suche nach dem Wesentlichen, dem, was dauerhaft bleibt. In gewisser Weise spiegelt sich das in meinen etwas massiven, hölzernen Schreibtischen wider. 

Blicke ich aus dem Fenster, bleiben meine Augen oft am Ort Seewis in der Ferne hängen. Meine Schreibtische sind das Umfeld, wo sich Gedanken verdichten, zu etwas Neuem werden: zu einer Predigt, einem Buch oder auch nur zu einer Notiz.»