Fast alle haben einen Schreibtisch, manche blühen daran auf, andere meiden ihn. Wie ist es bei Ihnen?
Achim Landwehr: Ich habe mehrere Schreibtische, und ich arbeite sehr gern daran. Der Schreibtisch ist für mich ein Ort der hohen Konzentration und stillen Produktivität. Und ein faszinierendes Möbel, denn an Schreibtischen kommen das ganz Grosse, Weltbewegende und das Private, ganz Kleine zusammen. Wenn ich selber allzu viel Zeit verbringe am Schreibtisch, dann spüre ich irgendwann das Bedürfnis, ihn zu verlassen und mich zu bewegen.
Wann kamen in Europa die ersten Schreibtische auf?
Bereits die Klöster des frühen Mittelalters waren Orte einer ausgeprägten Schriftkultur. Kopisten schrieben Bücher ab, Mönche verfassten theologische Abhandlungen, Lieder und Gebete. Der klassische klösterliche Schreibtisch war das Pult mit schräger Arbeitsfläche, und geschrieben wurde auf Pergament. Es wurde aus geschabter Tierhaut gefertigt und war somit ein sehr beständiges, aber auch aufwendig herzustellendes und teures Material.
An den Herrscherhöfen des Mittelalters hingegen wurde vermutlich weniger geschrieben.
Das ist richtig. Könige, Herzöge und andere regierende Fürsten waren damals Wanderherrscher. Um zu regieren, war persönliche Präsenz bei den örtlichen Verwaltern nötig. Ausserhalb der Klöster konnten damals die meisten Leute noch nicht schreiben, auch die Adligen nicht. Verträge und andere Vereinbarungen wurden mit Handschlag oder Eid besiegelt. Ein Schriftstück wurde nur selten angefertigt, etwa bei Schenkungen. Als Unterlage diente dem Schreiber eine einfache Platte, die sich leicht wieder im Reisegepäck verstauen liess. Die Beine kamen erst hinzu, als Regieren eine stationäre Angelegenheit wurde.
Wie wurde der Schreibtisch zum unverzichtbaren Möbel?
Im Hochmittelalter entwickelten sich die Städte als Zentren des Handwerks, des Handels und der Kultur. Wer in grossem Stil Handel treibt, kommt nicht darum herum, über seine Geschäfte Buch zu führen. Dazu braucht es nun den Schreibtisch. Wichtig wurde er auch im Bankgewerbe, das in den norditalienischen Stadtstaaten aufblühte und im frühen 16. Jahrhundert dann nördlich der Alpen ebenso Fuss fassen konnte. In Augsburg war der Grossbankier Jakob Fugger ein ausgesprochener Schreibtischarbeiter.
