Die Kirche streitet um den Umweltschutz

Abstimmung

Am 27. September stimmen die Reformierten über den Gegenvorschlag zur Schöpfungsinitiative ab. Tobias Adam und Simone Schädler diskutieren über Heizungen und das Evangelium.

Warum ist die Schöpfungsinitiative eine gute Idee?

Tobias Adam: Wir können als Christinnen und Christen zeigen, wie wir mit den ökologischen Krisen umgehen. Sie sind die grössten Herausforderungen unserer Zeit und drohen unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Wenn wir sie nicht bewältigen, ist nichts mehr möglich.

Und weshalb ist die Initiative schlecht für die Kirche?

Simone Schädler: Wir müssen die Menschen für den Umweltschutz gewinnen und dürfen sie nicht dazu zwingen. Freiwilligkeit dauert länger, nützt aber mehr als Zwang.

In der Kirchenordnung steht bereits jetzt, dass sich die Zürcher Landeskirche für die Bewahrung der Schöpfung einsetze. Löst sie dieses Versprechen ein?

Schädler: Die Frage ist, was Bewahrung der Schöpfung überhaupt bedeutet. «Seid fruchtbar und mehr euch» (Gen 1,28): Auch dieser Vers kann als Form der Schöpfungsbewahrung verstanden werden. Heute hat für mich der Einsatz für Frieden Priorität. Für Kriege wird unglaublich viel Geld verschwendet, sie zerstören die Umwelt. Abgesehen davon bin ich überzeugt, dass Leute, die den Gottesdienst besuchen, privat viel für den Umweltschutz tun. Dank ihrer Mitglieder erfüllte die Kirche diesen Artikel.

Adam: Dass der Grundsatzartikel in der Kirchenordnung steht, ist zwar wertvoll. Aber er ist zu unkonkret. Und wir leben ihn zu wenig.

Abkehr von fossilen Energieträgern

Am 27. September stimmen die Mitglieder der reformierten Kirche im Kanton Zürich über den Gegenvorschlag des Kirchenrats zur Schöpfungsinitiative ab. Stimmberechtigt sind alle Reformierten ab 16 Jahren. Die von Synode nach einer kontroversen Debatte verabschiedete Vorlage sieht vor, dass die Kirche mit ihren Gebäuden bis 2035 das Netto-Null-Ziel erreicht. In der Kirchenordnung werden ausserdem die «Förderung einer ökologisch nachhaltigen Gesellschaft» und die Behandlung ökologischer Fragen in Bildung und Spiritualität verankert. Auf die Verwendung fossiler Energieträger soll verzichtet werden, die Emissionen von Treibhausgasen sollen sinken. Alle Kirchgemeinden müssen ein Umweltmanagementsystem einführen.

In Bildung und Spiritualität sollen ökologische Fragen behandelt werden. Gehört Klimapolitik wirklich zum Grundauftrag der Kirche?

Schädler: Natürlich nicht. Und das stört mich an der Initiative am meisten. Im kirchlichen Unterricht sollen Kinder und Jugendliche lernen, was in der Bibel steht, etwas von Gott erfahren. Das Ziel darf nicht sein, dass sie nach der Konfirmation in erster Linie wissen, was Klimaschutz bedeutet, aber vom apostolischen Glaubensbekenntnis haben sie keine Ahnung. Geht es um den Glauben, sind wir sehr liberal, beim Klimaschutz werden wir orthodox.

Adam: Unbestritten müssen wir eine Sprache finden für in unseren Glauben und von Jesus erzählen. Deshalb geben sich Schöpfungsinitiative und Gegenvorschlag nicht zufrieden mit Gebäudesanierungen, sondern verknüpft Klimaschutz mit Spiritualität. Viele ökumenische Dokumente, an denen unsere Kirche beteiligt war, verurteilen den fossilen Kapitalismus. Friede, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung gehören zusammen. Nicht von ungefähr begann der Weg, der zur Ausarbeitung der Schöpfungsinitiative führte, mit einem Gebet.

Die Vorschrift, dass alle Kirchgemeinden das Umweltlabel Grüner Güggel erreichen müssen, ist allerdings ziemlich profan.

Adam: Viele Kirchgemeinden haben gute Erfahrungen gemacht mit dem Grünen Güggel. Die Zertifizierung lässt viel Spielraum, bringt die Gemeinden aber dazu, alle Bereiche anzuschauen und zu überlegen, welche Massnahmen sie ergreifen können. Sie können zweimal im Monat vegetarisch kochen am Mittagstisch oder vermehrt Gottesdienste in der Natur feiern.

Schädler: Der Grüne Güggel ist ein Papiertiger. Er generiert viel Aufwand, aber dann verschwinden die Massnahmen wieder irgendwo in der Schublade. Er überfordert insbesondere die Landgemeinden.

Die Landkarte, auf denen die zertifizierten Gemeinden verzeichnet sind, spricht eine andere Sprache: Laufen oder Andelfingen sind jetzt nicht wirklich urbane Gemeinden.

Schädler: Trotzdem bedeutet Umweltschutz auf dem Land etwas anderes als in der Stadt. In Dörfern sind die Leute auf das Auto angewiesen, dafür bauen sie vielleicht Gemüse im eigenen Garten an.

Tobias Adam

2019 wurde Tobias Adam in die Synode gewählt. Dort ist er Mitglied der religiös-sozialen Fraktion. Adam doktoriert an der Universität Zürich in Praktischer Theologie. Er ist Mitglied des Stadtklosters Zürich und Initiant der Schöpfungsinitiative. Nachdem die Synode den Gegenvorschlag des Kirchenrats angenommen hatte, zog das Kommitee die Initiative zurück.

Laut Kirchenrat müssen im ganzen Kanton zehn Heizungen ersetzt werden, damit die Kirche das Netto-Null-Ziel erreicht. Das Klima rettet sie damit bestimmt nicht.

Adam: Das Ersetzten der Heizungen ist unser grösster Hebel bei den Treibhausgasemissionen als Kirche und somit unser Beitrag, dass wir nicht nur über Klimaschutz sprechen, sondern auch was machen.

Schädler: Dem Klima ist nicht geholfen, wenn Ölheizungen vor dem Ende ihrer Lebensdauer ersetzt werden. Zudem gilt das Netto-Null-Ziel nur für das Verwaltungsvermögen. Liegenschaften im Finanzvermögen werden gar nicht erfasst.

Adam: Wir können nach der Abstimmung in der Synode gerne zusammen eine Motion lancieren und das Ziel der Klimaneutralität auf das Finanzvermögen ausweiten.

Simone Schädler

Von 2017 bis 2028 präsidierte Simone Schädler als erste Frau die Zürcher Synode. Seit 2015 ist sie für die Evangelisch-kirchliche Fraktion Mitglied des Kirchenparlaments. Schädler studierte Wirtschaftswissenschaften und arbeitete als Controllerin. Heute ist sie Mitglied des Stiftungsrats des Hilfswerks CSI Schweiz und Präsidentin der EVP Illnau-Effretikon.

Bund und Kanton wollen das Netto-Null-Ziel 2050 erreichen. Die Schöpfungsinitiative verlangt nun 2035. Die Kirche will also Vorreiterin sein im Klimaschutz. Gut so?

Schädler: Nein. Die Kirche setzt ihre Prioritäten falsch. Sie soll vorangehen, wenn es um Menschen geht: in der Armutsbekämpfung oder im Kampf gegen die Prostitution, wo die Not wahnsinnig gross ist.

Adam: Klimaschutz ist immer Menschenschutz. Unter der Hitzewelle leiden insbesondere vulnerable Menschen. Und auch weltweit ist der globale Süden viel stärker betroffen von Umweltkatastrophen.

Schädler: Das mag sein. Aber der Einfluss der Landeskirche auf die globale Klimaveränderung ist verschwindend klein. Die Kernkompetenz der Kirche ist die Verkündigung, das Reden von Gott. Darauf sollten wir uns konzentrieren.

Adam: Und genau das will doch die Initiative: über den Glauben reden. Paulus schreibt, «dass die ganze Schöpfung seufzt und in Wehen liegt» (Röm 8,22). Die Gleichnisse von Jesus sind durchdrungen von Metaphern aus der Natur, es geht um Säen und Ernten. Das Verhältnis des Menschen zur Schöpfung ist ein zentrales Thema in der Bibel.

Unabhängig vom Ausgang der Abstimmung: Was bleibt von der Lancierung der ersten Volksinitiative der Zürcher Landeskirche und der Debatte darüber haften?

Schädler: Irgendwie bin ich in das Online-Gebet des Stadtklosters vor der Abstimmung in der Synode hineingerutscht. Beten entspricht mir immer. Als Christen können wir unabhängig von unseren Positionen gemeinsam beten. Wer das vergisst, hat die Bibel nicht verstanden. Ich hoffe, das bleibt uns erhalten: Dass wir dem Gebet Sorge tragen.

Adam: Ich hoffe, dass die Kirche die Chance nutzt und  breit über die ökologischen Krisen und Handlungsmöglichkeiten diskutiert, davon zeigt sich bisher noch wenig. Und ich hoffe, dass durch die Debatte neue Ideen und Initiativen entstehen, die zeigen dass sich die Kirche nicht dem Zeitgeist beugt und wir trotz der fehlenden Aufmerksamkeit etwas gegen die ökologischen Krisen tun.