Sie selbst haben acht Jahre in Cusco, Peru, in einem Armenviertel gelebt. Erinnern Sie sich an ein Beispiel, wo die vier Schritte konkret umgesetzt wurden?
Einmal hatten wir Probleme mit der Wasserversorgung. Zuerst ging es darum, diese Realität genau anzuschauen. Für den zweiten Schritt zogen wir die biblische Geschichte heran, die erzählt, wie 5000 Menschen, die gekommen sind, um Jesus zu sehen, mit nur fünf Broten und zwei Fischen satt werden können (Mk 6,30–44). Wir reflektierten sie im Hinblick auf unsere eigene Wasserknappheit. Wir stellten fest, dass das Speisungswunder ein Organisationswunder beschreibt. Also fingen auch wir an, uns zu organisieren. Wir sammelten Geld, stellten Anträge für einen Brunnen und kamen so ins Handeln: der dritte Schritt. Am Ende, als das Wasser floss, wurde gefeiert. Auch das gehört dazu. Wichtig war, das Narrativ zu brechen, dass wir immer arm bleiben und die Herrschenden immer herrschen werden.
Wer konnte Animator werden?
Die Animadores wurden in Katechetenschulen ausgebildet und lernten dort, biblische Texte zu deuten. Ein Gründer der Katechetenschulen war der ecuadorianische Priester Leonidas Proaño. Er galt als Bischof der Indios und lebte mit und in den indigenen Dorfgemeinschaften Ecuadors. Er gründete auch die Escuelas Radiofónicas Populares. In diesen katholischen Radiovolksschulen lernten die Menschen lesen und schreiben, und gleichzeitig setzten sie sich intensiv mit den biblischen Texten auseinander.
Die Bibel wieder selbst lesen: Das erinnert an die Reformation.
Ja, man könnte sagen, die Befreiungstheologie war ein bisschen wie eine Reformation innerhalb der katholischen Kirche. Einige Anliegen der tatsächlichen Reformation hat sie aufgenommen, wie beispielsweise die Souveränität der Gemeinde.
In der Geschichte Lateinamerikas stand die katholische Kirche oft an der Seite der Reichen und Mächtigen, die das Volk ausbeuteten. Waren die Leute da nicht misstrauisch gegenüber Bibel und Kirche?
Ja und nein. Dass die christliche Religion oder Weltanschauung importiert worden ist, teilweise durchaus mit Gewalt, ist natürlich ein Thema, das verschiedene Kreise weiterhin beschäftigt. Es gibt auch Menschen, welche die Geschichte am liebsten zurückdrehen würden. Sie sind aber eher in der Minderheit. Heute ist die Bevölkerung zumeist katholisch und andin oder katholisch und afroamerikanisch. Mich hat es immer wieder erstaunt, zu beobachten, wie schnell und wie tief sich die christliche Religion mit der indigenen Weltanschauung vermischte.
Woran zeigt sich das?
Indigene Weltanschauungen – ich kenne vor allem die andine, also die der Menschen in den Anden – korrespondieren gut mit dem katholischen Weltbild. Dabei ist die Figur der Vermittlung entscheidend. Sowohl in der katholischen wie in der indigenen Weltanschauung gibt es zwischen Gott und dem Menschen Vermittler. In der katholischen Tradition ist es die Figur der Maria, in der andinen Kultur ist es die der Pachamama, Mutter Erde. Sie ist für indigene Völker in Peru, Bolivien, Ecuador und Argentinien eine zentrale Gottheit. Pachamama steht für Fruchtbarkeit, Leben und Schutz.