In dieser Situation kann die Theologie Jürgen Moltmanns eine neue Orientierung bieten. Moltmann verbindet die Option für die Armen mit einer radikalen Hoffnung auf den kommenden Gott und versteht die Kirche als «Exodusgemeinde», die aus Unterdrückung in Freiheit aufbricht und die Zukunft Gottes inmitten der Geschichte vorwegnimmt.
Seine Ekklesiologie ist zutiefst christologisch: Die Kirche lebt nicht aus Ideologien oder parteipolitischen Projekten, sondern aus der Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Christus, der die Herrschaft des Todes bereits entmachtet hat und die Welt auf eine neue Schöpfung hin öffnet.
Für Brasilien bedeutet das eine doppelte Korrektur: Die Kirche darf weder zum Instrument politischer Macht werden noch sich in eine unpolitische Innerlichkeit zurückziehen. Sie ist zugleich «Bruderschaft der Glaubenden» und «Bruderschaft der Geringsten» – eine Gemeinschaft, die das Evangelium verkündet und gleichzeitig dort steht, wo Christus sich verbirgt: in den Armen, den Indigenen, den Vertriebenen, den Opfern ökologischer und sozialer Gewalt.
Eine neue Theologie als lebendige Bewegung
Moltmanns Betonung der neuen Schöpfung und der Umkehr des Herrschaftsdenkens eröffnet zudem eine theologische Sprache, die die ökologische Krise Amazoniens ernst nimmt. Seine Hoffnungstheologie könnte der brasilianischen Kirche helfen, ihre ursprüngliche Berufung neu zu entdecken: als lebendige Bewegung, die die Zukunft Gottes in einer zerrissenen Gesellschaft sichtbar macht und die Würde der Menschen wie der bedrohten Erde gleichermassen verteidigt.
Die Schweizer Debatte sieht oft nur zwei Bilder: die heroische Befreiungstheologie der 1970er Jahre oder die vatikanische Kritik der 1980er Jahre. Was fehlt, ist die brasilianische Komplexität: die Erfahrung der Diktatur, die Rolle der CEBs als Schulen der Demokratie, die Ambivalenz zwischen Hoffnung und politischer Instrumentalisierung, die heutige Konkurrenz durch evangelikale Kirchen, die Realität von Gewalt, Korruption und Ungleichheit, die spirituelle Kraft der Armen, die keine Ideologie ersetzen kann.
Keine Theologie, sondern eine Erfahrung
Für mich ist Befreiungstheologie keine Theorie, sondern eine Erfahrung: die Erfahrung, dass Gott im Schrei der Armen spricht, im Mut der Frauen, im Widerstand der Jugendlichen, im Brot, das geteilt wird. Sie ist eine Theologie, die atmet und die uns auch heute noch herausfordert, in Brasilien wie in der Schweiz.
Vielleicht ist das der Himmel auf Erden, den wir suchen: nicht eine perfekte Gesellschaft, sondern eine Gemeinschaft, die die Würde jedes Menschen ernst nimmt.