Die Sehnsucht nach den Gesprächen im Chaos

Schlusspunkt

In Berlin funktioniert vieles nicht, das gibt Gesprächsstoff - auch mit wildfremden Menschen.

Es gibt Städte, die einen nie enttäuschen – im Guten wie im Schlechten. Kürzlich hatte ich das Vergnügen, in meine alte Heimat Berlin zu reisen. Kaum in der untersten Etage des Hauptbahnhofs angekommen, stutzte ich über Absperrungen an allen Rolltreppen. Weil ich bis in die oberste Etage musste, rollte ich den Koffer  zum Aufzug. Da wartete ein Mann im Rollstuhl. «Ick kann ja nich  anders», berlinerte er, während wir zehn Minuten auf den Lift warteten. Als wir endlich im Schneckentempo nach oben schwebten,  erklärte er, die Rolltreppen seien seit Tagen ausser Betrieb. «Sie sind rückwärts und viel zu schnell gefahren.» Er amüsierte sich  über geschockte Blicke der mitfahrenden Touristen.

Mein erster Ausflug führte mich zum Paketshop, in dem ich eine Rücksendung aufgeben musste. Ich schleppte das Paket bis zu einem DDR-Bürogebäude, das mir mein Handy anzeigte. Kein Hinweis  auf den Paketdienst, dafür grinste mich ein Rezeptionist belustigt an: Den Shop gebe es seit fünf Jahren nicht mehr. Genauso wenig wie Fahrradgeschäft und Kopierladen. Weil ich vom Schleppen  eine Pause brauchte, kamen wir ins Plaudern. Der Mann erzählte, dass täglich ein Dutzend Leute bei ihm mit Paketen vorbeikommen. Ich hatte den Eindruck, dass er die Verirrten gern in Gespräche verwickelt. 

Bloss irgendwie zur Grenze schaffen

Es ist ein Phänomen: Kaum in Deutschland angekommen, wird mir klar, was in der Schweiz  alles funktioniert. Das Paradebeispiel ist natürlich die Deutsche Bahn. In stets verspäteten ICEs erkläre ich meinen Kindern, dass wir jetzt  in Deutschland sind und froh sein können, wenn wir an einem Tag zur Oma kommen. Auf dem Rückweg ertappe ich mich beim absurden Gedanken, es nur irgendwie zur Grenze schaffen zu müssen.

Am Ende meiner Berlinreise stand ich wieder am Aufzug im Bahnhof, die Treppen rollten noch immer nicht. Ich fuhr mit einem Mann runter, der einen Reinigungswagen schob. Ein Reisender  stieg zu, mit deutschem Akzent plärrte er ins Handy: «Yes, I  will try but you know Deutsche Bahn.» Als er ausgestiegen  war, schüttelte der Mann mit dem  Putzwagen den Kopf, sagte in  gebrochenem Deutsch: «Verrückt sind Menschen!» Wir lachten. 

Wieder in Zürich verlief alles nach Plan, auf die Minute kam der  Zug, dann die Tram, alle Leute sassen mit Stöpseln in den Ohren. Schön, pünktlich daheim zu sein, dachte ich. Und sehnte mich  zugleich nach all den Begegnungen, die mir das Berliner Infrastruktur-Chaos geschenkt hatte. 

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