«Das Vertrauen in die regelbasierte Welt ist erschüttert»

Jahrestag

25 Jahre nach 9/11 wirkt der Einschnitt bis heute nach. Islamwissenschaftler Reinhard Schulze über Terror, den Blick auf den Islam und die brüchige regelbasierte Ordnung.

Herr Schulze, was haben Sie am 11. September 2001 gemacht?

Ich bekam damals einen Telefonanruf und wurde gebeten, die Anschläge zu kommentieren. Sehr schnell war klar, dass dieses Ereignis weit über diesen einen Tag hinausreichen würde.

Was hat dieser Tag dauerhaft verändert?

Bis dahin herrschte in vielen westlichen Gesellschaften ein grosser Optimismus. Man hatte das Gefühl, in einer regelbasierten Welt zu leben, in der selbst schwierige Konflikte verhandelbar und letztlich politisch bewältigbar sind. Dieser Optimismus, wie ihn damals etwa auch der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama verkörperte, wurde am 11. September massiv erschüttert. Seitdem ist das Vertrauen in eine vernünftig organisierbare Gegenwart deutlich geschwächt.

Wie stark prägt 9/11 bis heute unseren Blick auf den Islam?

Sehr stark. Vor 2001 war der Islam im europäischen Diskurs eine eher unbekannte Grösse, teilweise sogar eine ästhetisch positiv besetzte. Ich erinnere mich an einen NZZ-Artikel aus jener Zeit, in dem ein Minarett als elegante Bereicherung der Stadtarchitektur beschrieben wurde. Nach dem 11. September entstand ein völlig anderer Deutungsraum. Der Islam wurde nun sehr viel stärker über Terror, Gefahr und Bedrohung wahrgenommen.

Islam und Islamismus werden seither miteinander vermischt. Was ist daran problematisch?

Weil dadurch eine ganze Religion aus der Normalität herausgenommen wird. Sie wird nicht mehr unter denselben Voraussetzungen beurteilt wie andere Religionen, sondern erfährt eine Art Sonderbehandlung. Nach 9/11 wurde der Islam teilweise als eine Religion definiert, von der eine potenzielle Gefahr ausgeht. Das ist ein grundlegender Wandel.

Musliminnen und Muslime gerieten damit unter Generalverdacht?

Ja. Und dieser Generalverdacht wirkt bis heute nach. Wenn eine Religion über Jahre hinweg vor allem in den Kategorien Terror, Sicherheit und Bedrohung verhandelt wird, prägt das zwangsläufig auch den Blick auf die Menschen, die ihr angehören.

Stichwort Terror. Wie gross ist die Gefahr islamistischer Anschläge heute noch? Könnte sich ein Anschlag in der Dimension von 9/11 wiederholen?

Die konkrete Form wäre vermutlich eine andere. Entscheidend ist aber die Asymmetrie: Mit relativ geringem Aufwand lässt sich eine enorme politische und gesellschaftliche Wirkung erzielen. Durch Drohnen, digitale Technologien und neue Formen von Gewalt hat sich dieser Möglichkeitsraum sogar erweitert. Insofern würde ich nicht sagen, dass ein Ereignis mit vergleichbarer Wirkung heute ausgeschlossen wäre.

Experte für die islamische Welt

Reinhard Schulze ist emeritierter Professor für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die moderne Geschichte der islamischen Welt, politische und religiöse Entwicklungen im Nahen Osten sowie das Verhältnis von Islam und westlichen Gesellschaften.

Der sogenannte Islamische Staat ist weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Ist auch die Ideologie dahinter verschwunden?

Nein. Der IS als territoriales Projekt in Syrien und im Irak ist weitgehend zusammengebrochen. Aber die dahinterstehende Form von Ultrareligiosität besteht weiter. Sie erzeugt einen Deutungsraum, der mit gewachsenen religiösen Traditionen nur noch begrenzt übereinstimmt. Heute findet man entsprechende Strukturen etwa in Teilen Westafrikas. Hinzu kommt die individuelle Radikalisierung über soziale Medien.

Was meinen Sie genau mit Ultrareligiosität?

Eine Form von Religiosität, die sich von den eigenen Traditionen ablöst und Religion völlig neu deutet. Das lässt sich auch bei den Tätern des 11. September beobachten. Ihre Motive waren nicht einfach eine Fortsetzung islamischer Traditionen, sondern standen teilweise geradezu ausserhalb davon. Ähnliche Entwicklungen gibt es übrigens auch im Christentum und im Judentum. Es ist kein ausschliesslich islamisches Phänomen.

Hat der Westen mit dem «Krieg gegen den Terror» damals die richtige Antwort gefunden?

Da würde ich ein grosses Fragezeichen setzen. Die Reaktion war stark militärisch geprägt. Gleichzeitig wurden rechtsstaatliche und völkerrechtliche Regeln ausser Kraft gesetzt, die nach dem Zweiten Weltkrieg bewusst geschaffen worden waren. Guantánamo ist das deutlichste Beispiel dafür. Dort entstanden permanente Ausnahmezustände.

Warum ist das rückblickend so problematisch?

Weil der Begriff Terror einen Ausschluss ermöglichen kann. Wer als Terrorist definiert wird, kommt nicht mehr in den Genuss jener regelbasierten Ordnung, die eigentlich für Freund und Feind gelten sollte. Damit schafft man ein Muster. Die Ausnahme kann zur Regel werden. Heute sehen wir in verschiedenen Konflikten, dass zunehmend die Macht über dem Recht steht.

Wenn sich heute ein vergleichbarer Terrorangriff ereignen würde: Was müsste anders laufen?

Man müsste sehr viel stärker darauf achten, mit der Antwort darauf nicht die eigene Rechtsordnung zu beschädigen. Auch gewaltsame Reaktionen können unter Umständen notwendig sein. Aber sie müssen sich an international vereinbarten Regeln und am Völkerrecht orientieren. Sonst zerstört man genau jene Ordnung, die man eigentlich verteidigen will.

Wo sehen Sie 25 Jahre nach 9/11 dennoch Grund zur Hoffnung?

Darin, dass wir die damaligen Reaktionen heute überhaupt wieder kritisch befragen. Dass wir nicht mehr einfach sagen: Es gab keinen anderen Weg. Die Ressource liegt weiterhin in einer international garantierten Rechtsordnung und im Völkerrecht. Entscheidend ist, diesen Glauben an Regeln nicht aufzugeben. Denn wenn das Recht nicht mehr gilt, bleibt am Ende nur die Macht.