Gesellschaft 10. Februar 2026, von Tilmann Zuber/kirchenbote.ch

«Saatgut ist ein Gemeingut»

Ernährung

Die aktuelle Fastenkampagne warnt vor der Monopolisierung beim Saatgut durch Grosskonzerne. Expertin Tina Goethe sagt, warum die Zukunft bei den Kleinbauern liegt.

Die Kampagne 2026 von Heks und Fastenopfer widmet sich dem Thema Saatgut. Viele denken dabei an romantische Blumenwiesen und Wildblumen. Weshalb misst Heks dem Saatgut auch eine wirtschaftliche und politische Bedeutung bei?

Tina Goethe: Saatgut ist die Grundlage unserer Ernährung. Welches Saatgut der Landwirtschaft zur Verfügung steht, bestimmt letztlich, was auf unseren Tellern landet. Im Saatgutmarkt bündeln sich damit zentrale Machtfragen der globalen Landwirtschaft und Ernährung. Durch Fusionen und Übernahmen hat sich die Marktmacht im Agrar- und Lebensmittelsektor stark konzentriert. Besonders ausgeprägt ist dies im Pestizid- und Saatgutsektor: Vier multinationale Konzerne – Bayer/Monsanto, Corteva, Syngenta und BASF – kontrollieren heute rund 56 Prozent des weltweiten Saatgutmarktes und 61 Prozent des Pestizidmarktes.

Fusionen gelten doch als Ausdruck wirtschaftlicher Effizienz. Wo sehen Sie das Problem?

Die hohe Marktkonzentration erlaubt es wenigen Akteuren, darüber zu entscheiden, welches Saatgut verfügbar ist und zu welchen Preisen. Häufig wird Saatgut nur noch zusammen mit den passenden Pestiziden verkauft, die für die versprochenen Erträge notwendig sind. Das verteuert die landwirtschaftliche Produktion erheblich. Gleichzeitig schädigt der intensive Einsatz von Agrochemikalien Böden, Wasser und Biodiversität – und untergräbt damit langfristig auch die Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft gegenüber dem Klimawandel.

Hier könnte doch der Staat regulierend eingreifen.

In der Theorie ja. In der Praxis geht wirtschaftliche Macht jedoch mit politischem Einfluss einher. Die grossen Agrarkonzerne prägen nationale und internationale Gesetzgebungsprozesse sowie öffentliche Debatten. Ein zentrales Beispiel sind patentähnliche Schutzrechte auf Saatgut. Sie untersagen Bäuerinnen und Bauern, Saatgut aus der eigenen Ernte erneut auszusäen, zu tauschen oder weiterzugeben – Praktiken, die über Jahrtausende hinweg selbstverständlich waren und die Vielfalt unserer Nahrungspflanzen gesichert haben.

Tina Goethe

Tina Goethe

Die Soziologin ist Co-Leiterin der Abteilung Entwicklungspolitik und Themenberatung beim Heks.

Welche Rolle spielen Kleinbauern für die globale Ernährung?

Eine weit grössere, als oft angenommen wird. Kleinbäuerliche Betriebe produzieren mindestens die Hälfte der weltweit konsumierten Lebensmittel. Vor allem im globalen Süden beziehen sie ihr Saatgut aus der eigenen Ernte, von Nachbarn oder von lokalen Märkten. In Afrika stammen je nach Kulturpflanze bis zu 90 Prozent des verwendeten Saatguts aus solchen bäuerlichen Systemen. Der freie Zugang zu Saatgut ist für Millionen Menschen eine Voraussetzung für Ernährungssicherheit.

Dieser freie Zugang ist heute gefährdet?

Seit den 60er Jahren wird er zunehmend eingeschränkt, seit drei Jahrzehnten auch in Ländern des globalen Südens. Sortenschutz- und Vermarktungsgesetze sichern Züchtern – meist grossen Konzernen – exklusive Rechte. Bauern und Bäuerinnen dürfen das daraus gewonnene Saatgut nicht wiederverwenden und müssen es jährlich neu erwerben oder Lizenzgebühren zahlen. Verstösse können in manchen Ländern strafrechtlich verfolgt werden. Da staatliche Programme und Entwicklungsprojekte häufig kommerzielles Saatgut fördern, gelangt dieses auch in bäuerliche Systeme. Wer es dort wie gewohnt lagert, tauscht oder verkauft, riskiert jedoch Kriminalisierung.

Die Agrarkonzerne argumentieren, ihr Saatgut sei notwendig, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Was spricht für lokale Sorten?

Lokale Saatgutsysteme sind zentral für Ernährungssouveränität und Klimaanpassung. Lokales Saatgut kann über Jahre hinweg ohne Qualitätsverlust wieder ausgesät werden. Hybridsaatgut hingegen verliert an Ertragsfähigkeit und macht Landwirte abhängig von jährlichen Neukäufen. Zudem sind lokale Sorten an ihre Umwelt angepasst, widerstandsfähiger gegenüber Klimaschwankungen und ein wichtiger Träger biologischer Vielfalt.

Saatgut zu teilen ist Teil kultureller Identität und sichert Vielfalt.
Tina Goethe, Co-Leiterin Entwicklungspolitik Heks

Warum verschwinden diese Sorten dennoch?

Die industrielle Landwirtschaft fördert Monokulturen, beschleunigt Bodenerosion und reduziert die Biodiversität. Gleichzeitig machen Vermarktungsgesetze standardisierte Sorten zur Voraussetzung für den Marktzugang. Lokale Sorten erfüllen diese formalen Kriterien meist nicht und werden verdrängt. Damit geht nicht nur agrarökologisches Wissen verloren, sondern auch genetische Vielfalt.

Wem gehört Saatgut letztlich?

Aus unserer Sicht ist Saatgut ein Gemeingut. Bäuerliche und indigene Gemeinschaften haben es über Generationen entwickelt, weitergegeben und bewahrt – ohne ökonomische Gegenleistung. Saatgut zu teilen ist Teil kultureller Identität und sichert Vielfalt. Seine Privatisierung entzieht diesen Gemeinschaften ihr kollektives Erbe und bedroht ihre Lebensgrundlagen.

Wie könnte ein gerechtes Saatgutsystem in zwanzig Jahren aussehen?

Es müsste auf bäuerlicher Agroökologie beruhen, biologische Vielfalt fördern und die Rechte der Produzentinnen und Produzenten respektieren. Politisch bedeutet das: bäuerliche Saatgutsysteme schützen, ihre Praktiken rechtlich anerkennen und das Recht auf Wiederverwendung, Tausch und Vermehrung sichern. Industrieländer sollten zudem darauf verzichten, Entwicklungsländern über Handelsabkommen restriktive Sortenschutzregime aufzuzwingen, um die Märkte für industrielles Saatgut zu schaffen. Die UN-Deklaration über die Rechte von Bäuerinnen und Bauern bietet dafür einen klaren Rahmen – sie müsste konsequent umgesetzt werden.