Recherche 27. Juni 2023, von Mayk Wendt

«Saatgut ist Lebensquelle»

Landwirtschaft

Die indische Aktivistin Vandana Shiva ist Schirm­herrin des alternativen World Ethic Forum, das in Pontresina gastiert. Saatgut müsse ein Gemeinschaftsgut bleiben, sagt sie.

Frau Shiva, wem gehört eigentlich das Saatgut?
Vandana Shiva: Das Saatgut gehört sich selbst. Gemeinschaften, die das Saatgut mit erschaffen haben, sind auch dessen Hüter. Es ist also ein Gemeinschaftsgut. Es ist definitiv nicht im Besitz der Chemieindustrie.

Und was hat Saatgut mit Frieden und Demokratie zu tun?
Saatgut ist eine Quelle des Lebens. Hat eine Gemeinschaft genug und auch qualitativ hochwertiges Saatgut, verfügt sie über ausreichend Nahrung. Und wo genug Nahrung ist, herrscht in der Regel Frieden. In zahlreichen Kriegen wurde der Ökozid (Anmerkung der Redaktion: die Vernichtung der Natur) als eine Kriegswaffe eingesetzt. Nicht viele Leute wissen das, aber die industrielle Landwirtschaft und die chemische Manipulation des Saatguts sind Teil eines Kriegssystems.

Können Sie das weiter ausführen und erklären?
Synthetische Düngemittel werden nach dem gleichen Verfahren hergestellt wie Kriegsmunition, zum Beispiel chemische Bomben.

Sie vergleichen den Einsatz von Pes­tiziden tatsächlich mit dem Abwerfen von Bomben?
Pestizide sind dazu bestimmt, Insekten und sogenannte Schädlinge zu töten. Aber es sterben auch zahlreiche Menschen beim Verwenden der Chemikalien. In Indien zum Beispiel sterben in jedem Jahr rund 200 000 Menschen an den Folgen einer Pestizidvergiftung. Der Einsatz von Pestiziden gleicht einem Krieg gegen die Menschheit und gegen das Leben an und für sich.

Widerstandsfähiges Saatgut ist für die Bekämpfung des Hungers wichtig. Können wir angesichts dessen auf verändertes Saat­gut überhaupt noch verzichten?
Dieses System täuscht Überfluss vor. Die Realität ist in Wahrheit Knappheit von Ressourcen. Chemisch verändertes Saatgut und künstlicher Dünger erschaffen Monokulturen. Monokulturen produzieren grundsätzlich nicht mehr. Zwar kann mehr produziert werden von einer Sache, aber weniger von allem anderen.

Was sind die Folgen?
Es braucht beispielsweise zehnmal mehr Wasser zur Bewirtschaftung von Monokulturen. Die Folgen sind Dürren und Überschwemmungen. Es kommt zu Wüstenbildungen und mündet schliesslich in Flüchtlingskrisen, weil der Lebensraum unbewohnbar geworden ist.

Und welche Konzerne sind in erster Linie dafür verantwortlich?
Das Giftkartell der Agrarindustrie, zu dem auch Firmen und Unternehmen aus der Schweiz gehören, ist dafür verantwortlich. Es hat den Han­del von Saatgut und von sogenannten Pflanzenschutzmitteln zu einem Markt gemacht, an dem es nur um Profite geht. Es hat die Patente auf Saatgut und ist damit im Besitz des Saatguts. Das Saatgut ist die Grundlage allen Lebens. Ein Patent auf das Leben zu haben, bedeutet gewissermassen, dass ich der Schöpfer bin. Das ist verheerend.

Sie sagen, dass neben der Klima­kri­se auch das Artensterben ein grosses Pro­blem ist.
Wir wissen, dass Pestizide Bienen, Schmetterlinge und viele andere Insekten umbringen. Diese Tiere sind Grundlage für die Vielfalt von Flora und Fauna. In der Natur spielt alles zusammen und ist ein grosser Kreislauf. Wenn ein Bereich aus der Balance kommt, hat das Auswirkungen auf alle anderen Bereiche.

Welche Auswirkungen hat das konkret auf den Menschen?
Schauen Sie, diese Gifte gelangen über Pflanzen und Tiere, die wir über unsere Nahrung aufnehmen, in unseren Organismus. Die Folge sind Krankheiten, insbesondere Nervenkrankheiten. Wir konnten darüber hinaus nachweisen, dass das Darmmikrobiom, also unsere Darmflora, durch die Aufnahme der Giftstoffe zerstört wird. Diese Schädigung ist die Wurzel neuer Krankheiten.

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Der Einsatz von Pestiziden gleicht einem Krieg gegen die Menschheit.
Vandana Shiva