Ein Satz von Irina Scherbakowa lässt mich nicht los. Im Literaturhaus in München, wo sie ihr neues Buch vorstellte, erzählte die Friedensnobelpreisträgerin von ihrer Arbeit für Memorial. Die von der russischen Justiz kriminalisierte Organisation arbeitet die Schrecken des stalinistischen Staatsterrors auf und dokumentierte auch nach dem Zerfall der Sowjetunion Kriegsverbrechen der russischen Armee.
Scherbakowa erzählte von ihren Gesprächen mit Frauen, die den Gulag überlebt haben. Auf die Frage, worauf sie denn noch gehofft hätten in der Gefangenschaft, habe sie oft die immer gleiche Antwort erhalten: «Auf nichts, wir hatten einfach nur Hoffnung.»
Ruchlose Gewalt
Ein trauriger Satz. Nicht mehr zu wissen, worauf man eigentlich hofft, ist furchtbar. Ich muss an den Satz denken, wenn ich Zeitung lese. Der russische Krieg gegen die Ukraine dauert an. Auf jedes Gesprächsangebot folgt die nächste Eskalation.
Im Iran droht das schlimmste Szenario. Anfang Jahr waren die Menschen aus Freiheitsdrang und wirtschaftlicher Not auf die Strasse gegangen. Das Regime schlug die Proteste mit ruchloser Brutalität nieder. Nun haben die Revolutionsgarden nicht nur die Angriffe der USA und Israels überstanden, sie scheinen ihre Macht gefestigt zu haben und überziehen das Land mit einer neuen Welle der Repression.
Ein flackerndes Licht
Im Sudan dreht sich die Gewaltspirale weiter. Im Süden des Libanon, woher «reformiert.» zuletzt eine Reportage aus einem christlichen Dorf publizierte, harren die Menschen aus zwischen verhärteten Fronten, während die Angriffe der Hisbollah und israelische Vergeltungsschläge nicht enden. Der Weg zum Frieden scheint verbaut.
«Wir hatten einfach nur Hoffnung.» Ein schöner Satz. Ich hoffe, dass die Hoffnung mich trägt, auch wenn nichts mehr geht. Ihre Flamme flackert, aber sie erlischt nicht, selbst wenn die Perspektivlosigkeit alles zu verdunkeln droht.
Gegen das Verstummen
Hoffnung schenken mir vertraute Verse und Geschichten aus dem Evangelium, Kindergebete. Ich erfahre, wie kostbar mir Kirchenlieder sind, an denen ich mich festhalte, wenn die Furcht mir die Luft zum Atmen nimmt. Zuletzt spürte ich eine Ergriffenheit, die mich selbst überraschte, als in einer vollen Kirche jener Kanon aus Taizé erklang, den ich schon als Kind mitsang, bevor ich ihn verstand, und vielleicht gerade deshalb wusste, worum es geht: «Dona nobis pacem».
Das Friedensgebet hilft gegen das Verstummen. Es zeigt keinen Ausweg. Aber es schenkt Hoffnung. Einfach nur Hoffnung.
