«Musik und Gebet entfalten ihre Kraft, wo uns Worte fehlen»

Krieg in der Ukraine

Vier Jahre sind es seit dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine. Im vollen Berner Münster gab es ein Friedensgebet – mit ukrainischer und US-amerikanischer Vertretung.

Gebet und Musik: Das füllte am 24. Februar, einem Dienstagabend, Berns grösste Kirche bis auf den letzten Platz mit Menschen. Zum Friedensgebet und Konzert im Münster eingeladen hatten die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK), die Berner Kirchen und die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS).

Nach der Begrüssung durch den christkatholischen Pfarrer Daniel Konrad im Namen der AGCK und durch Judith Pörksen, Synodalratspräsidentin der reformierten Berner Landeskirchen (Refbejuso) begann Bischof Felix Gmür den Gottesdienst. «Wir wollen beten, dass es in diesem langen Krieg irgendwo einen Raum für die Sehnsucht nach Frieden gibt. Einen Raum für die Stille inmitten des Lärms der Waffen, für die Vernunft inmitten des Wahnsinns der Menschen.» 

Bewusst ökumenisch 

Beim Gebet kamen auch EKS-Ratspräsidentin Rita Famos, Jürg Bräker von den Mennoniten und Mariia Gerlan zu Wort, ein aus der Ukraine geflüchteter Teenager. So gestalteten verschiedene christliche Traditionen die Feier. 

«Wir fühlten uns vereint im Gebet und getragen von der Musik aus der Ukraine», sagt Rita Famos nach dem Gottesdienst. «Inmitten der Ohnmacht gegenüber einem so langen und schmerzhaften Krieg war spürbar: Wir sind nicht gleichgültig. Wir bringen Klage, Hoffnung und Fürbitte vor Gott.»

Auch Judith Pörksen zeigt sich auf Anfrage tief bewegt. «Man hat deutlich gespürt: Solidarität mit den Menschen im Kriegsgebiet ist so wichtig für die Kraft zum Durchhalten.» Und dabei könnten Kirchen mitwirken, findet die reformierte Pfarrerin: «Wir müssen den Menschen das Gefühl geben, dass wir sie nicht vergessen. Und wir dürfen uns nicht an den Krieg gewöhnen.» 

Präsenz politischer Prominenz

Auch politisch erhielt das Friedensgebet mit Konzert Gewicht. Die Botschafterinnen der Ukraine und der USA waren anwesend, Iryna Venediktova und Callista Gingrich. Auch der Berner Regierungsratspräsident und der Stadtpräsident nahmen teil, Christoph Neuhaus und Alec von Graffenried.

In ihrem Grusswort dankte die ukrainische Botschafterin allen Engagierten in der Schweiz. Deren Arbeit sei ein Zeichen der Menschlichkeit und der Solidarität. Rita Famos zeigt sich im Rückblick «besonders bewegt» von Venediktovas Worten: «Wir haben vier Jahre Krieg. Aber wir haben auch vier Jahre Würde.» 

Kammerorchester aus zerstörter Stadt

«Sehr berührt» hat die Refbejuso-Ratspräsidentin Judith Pörksen das ans Gebet anschliessende Konzert. «Melancholisch und melodiös» habe das Kammerorchester des Ivan-Karabyts-Fachkollegs Bachmut für Kultur und Kunst Werke ukrainischer Komponistinnen und Komponisten gespielt. Obwohl nebst der Stadt Bachmut selbst auch das Fachkolleg 2022 zerstört wurde, Instrumente geplündert, Unterrichtsräume verwüstet. In einem Provisorium mit wenigen verbliebenen Instrumenten macht die Musikfachschule weiter.

Gemäss einer Mitteilung der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen war das Konzert in Bern  Teil einer Tournee durch die Schweiz und Liechtenstein, organisiert vom Ukrainischen Kulturverein Prostir Luzern und der Ukrainehilfe Zentralschweiz in Zusammenarbeit mit zahlreichen lokalen Partnern. 

Im Konzert erzählte Irina Cherednychenko, Vorstandsmitglied der Ukraine-Hilfe Bern, von ihrem Leben als Geflüchtete in der Schweiz: zwischen unsicheren Nachrichten aus der Heimat, Neuanfang und Sehnsucht. Sie will die Hoffnung auf ein Leben mit all ihren Familienangehörigen in Frieden nicht aufgeben.

Famos: «Solche Feiern sind wichtig»

Für EKS-Ratspräsidentin Rita Famos ist klar: «Solche Feiern sind wichtig, weil wir gemeinsam trauern können und uns gegenseitig in unserer Sehnsucht nach Frieden bestärken. Musik und Gebet entfalten ihre Kraft, wo uns Worte fehlen.» 

Zwar habe unsere Kirche nicht politische Macht, Konflikte zu beenden. «Aber sie hat eine geistliche und moralische Stimme. Wir stehen solidarisch an der Seite der Menschen in der Ukraine, die auch unsere Freiheit und Werte verteidigen.»

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