Fürchtet er sich auch selbst vor einer demokratischen Revolution?
Natürlich. Nach den unglaublichen Wahlfälschungen von 2011 gab es in Russland Massenproteste. Darauf reagierte Putin mit Gewalt und einer Verhaftungswelle. Die von den Gerichten verhängten Strafen waren höher als unter Leonid Breschnew in der Sowjetunion. Und zudem lancierte Putin dieses Gesetz gegen ausländische Agenten.
Jene Waffe der Justiz, mit dem auch die Menschenrechtsorganisation Memorial bekämpft wurde.
Gleichzeitig ist das Gesetz ein wichtiges Instrument im Kampf gegen die politische Opposition.
Hat der Westen zu lange weggeschaut und Putin unterschätzt?
Auch in Russland haben sich viele Menschen angepasst. Es war ja nicht wie bei der sozialistischen Revolution der Bolschewiken von 1917, als sie sofort alle Parteien verboten und Zensur und Terror eingeführt hatten. Bei Putin war es ein schleichender Prozess. Das ist ein postmodernes Phänomen: Er installierte ein hybrides Regime, das sich langsam zu einem Autoritarismus und dann zu einer Diktatur entwickelte. Dabei liess er eine sehr komische Mischung zu: Memorial wurde nicht unterstützt, aber auch nicht verboten, Lenin liegt noch immer im Mausoleum, doch fünf Minuten weiter ist ein Denkmal, das an die Opfer des Kommunismus erinnert. Diese Gleichzeitigkeit streute dem Westen Sand in die Augen.
Das scheint ein Muster moderner Autokratien: In der Türkei unter Recep Erdogan lassen sich ähnliche Widersprüche beobachten.
Das stimmt. Doch im Krieg hat Putin Russland in einen anderen Zustand gebracht, er bemüht sich gar nicht mehr, den Schein zu wahren.
Sie beschreiben den Weg in den Totalitarismus als schleichenden Prozess. Aber fand Russland seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion überhaupt jemals aus der Diktatur?
Das ist sehr kompliziert. Natürlich gab es nach dem Tod von Josef Stalin 1953 keinen Bruch, aber die Sowjetunion war damals eine lahme, morsche Diktatur. Und was ganz wichtig ist: Der Massenterror war vorbei, damit verschwand langsam die Angst in der Bevölkerung. So eröffnete sich die Chance für eine Figur wie Michail Gorbatschow. Nach der Wende stand das Fenster kurze Zeit offen. Russland wäre nicht sogleich zu einer Vorzeigedemokratie geworden, es hätte Rückschläge gegeben. Aber es bestand die Möglichkeit, auf diesem Weg zu bleiben hin zu Rechtsstaat, Demokratie und einer Form der Marktwirtschaft.
Warum kam Russland so schnell wieder vom Weg ab?
Geschichte wird auch von Personen geschrieben. Nicht nur in Russland. Der Charakter der Leute, die in Übergangsphasen an der Macht sind, ist entscheidend. Dass Boris Jelzin, der kein idealer Demokrat, aber gegen das Einparteiensystem und Zensur war, Putin zum Interimspräsidenten ernannte, wirft einen dunklen Schatten auf ihn. Es war die schlimmstmögliche Wahl.
Ist es nicht die Aufgabe der Erinnerungsarbeit, solche Kippmomente zu identifizieren und zu verhindern, dass es wieder passiert?
Geschichte wiederholt sich nicht. Aber als Historikerinnen können wir wiederkehrende Muster erkennen. In der Postmoderne fehlen die grossen Ideologien, denen sich populistische Bewegungen verschreiben. So bleibt die Beschwörung der Vergangenheit. Das tut US-Präsident Donald Trump, wenn er Amerika zum vermeintlichen Ruhm zurückzuführen verspricht. Auch Putin bedient die Sehnsucht nach der alten Grösse Russlands.
Die Glorifizierung der Vergangenheit geht mit der Diskreditierung der Erinnerungskultur einher. Die AfD spricht von Schuldkult, Trump will Verbrechen der Sklaverei am liebsten aus Schulbüchern tilgen.
Sie beschwören eine Vergangenheit, die sie selbst kreieren müssen, weil es sie in Wahrheit nie gegeben hat. Im Unterschied dazu versprachen die Narrative des Kommunismus und des Nationalsozialismus, welche die Welt in die Katastrophen des Massenterrors und des Holocaust geführt haben, eine grosse Zukunft und eine neue Ordnung, den neuen Menschen. Das hat auch zahlreiche Menschen beflügelt.
Das ist der Unterschied zu Putin: Er hat gar keine Zukunftsvision und blickt eigentlich nur zurück.
Die Russen haben Angst vor Umwälzungen, das Trauma der Revolutionen sitzt tief. Putin versprach ihnen Stabilität statt Reformchaos.
Und warum bekämpft er die Erinnerungskultur an die Stalinzeit?
Putin zieht aus dem historischen Knäuel nur jene Fäden heraus, die ihm passen, um die russische Vergangenheit zu glorifizieren. Die Stalinzeit wird reduziert auf den Sieg gegen Nazideutschland 1945. Dass nicht nur der Krieg gegen Hitler so vielen Russen das Leben gekostet hat, sondern auch der sowjetische Staatsterror unzählige Opfer gefordert hat, wird verschwiegen.
Wie vollzieht sich diese staatliche Geschichtsklitterung?
Es begann damit, dass Putin Schulbücher umschreiben liess. Er zerstört die Geschichte in einer perversen Weise durch die Umwandlung von Museen und Denkmälern sowie Verbote von Ausstellungen.
Wiederholt zeigten Sie sich enttäuscht von europäischen Staaten, die sich zu spät von Putin distanziert hätten. Erwarten Sie überhaupt noch etwas vom Westen?
Er ist die einzige Hoffnung. In meiner Schulzeit, die vom Kalten Krieg geprägt war, gab es einen Witz: Was soll man tun, wenn die Atombombe abgeworfen wird? Man nimmt das weisse Laken und bewegt sich langsam Richtung Friedhof. Als Kinder haben wir darüber gelacht. In Wirklichkeit ist es doch so: Hoffe ich nicht mehr auf den Westen, kann ich gleich das weisse Laken nehmen und zum Friedhof gehen.
Welche Anzeichen sehen Sie, dass sich die Hoffnung erfüllt?
Natürlich steckt der Westen in einer Krise. Viele Gefahren wurden übersehen. Die Demokratien waren nicht bewaffnet gegen Populismus und autoritäre Regimes. Sogar in Ungarn, das Mitglied der Europäischen Union ist, konnte sich Viktor Orban ausbreiten. Aber Gott sei Dank konnte er die Institutionen nicht vollständig zerstören, so dass er abgewählt werden konnte.
Wie können sich Demokratien gegen den Totalitarismus wappnen?
Das ist eine sehr gute Frage. Ich bin Historikerin, keine Politikerin. Aber den Populisten Auftrieb gegeben hat sicher die Tendenz, dass viele Parteien heikle Themen umschifften. Ehrlich zu sein, ist ganz wichtig. Mit Blick auf Russland wird entscheidend sein, dass Putin den Ukrainekrieg nicht gewinnt.
Wenn der Konflikt jetzt eingefroren würde und Friedensverhandlungen begännen: Hätte Putin gewonnen oder verloren?
In Wirklichkeit hat er den Krieg längst verloren. Sein Ziel war eine Marionettenregierung in Kiew und die Schwächung der Nato. Was hat er erreicht? Nato-Truppen an allen Grenzen. Selbst Finnland, mit dem die Sowjetunion gute Beziehungen unterhalten hatte, ist dem Militärbündnis beigetreten. Jetzt gilt es zu verhindern, dass Putin die Niederlage als Sieg verkaufen kann. Eine Gefahr ist, dass die USA unter Trump dem Opportunismus verfallen und Russland Gebietsgewinne und gute Geschäfte zugestehen.
Der Ukraine die Beitrittsperspektive zur Nato zu nehmen, ist ein zu grosses Zugeständnis an Putin?
Die Ukraine hat die stärkste Armee in ganz Europa. Sicherheitsgarantien sind auch ohne Beitrittsperspektive möglich. Ohnehin muss die europäische Sicherheitsarchitektur erneuert werden, da von Putin, der über ein Atomwaffenarsenal verfügt, ein zu grosses Risiko ausgeht.
Ist die Westorientierung der Ukraine unumkehrbar?
Ja, davon bin ich überzeugt. Es gibt kein Zurück nach all den Opfern.
Irina Scherbakowa: Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen. Aus dem Russischen von Jennie Seitz und Ruth Altenhofer. Droemer, 2025