Darf ich mich freuen, dass Chamenei tot ist?
Ali Chamenei liess die Proteste im Iran mit ruchloser Gewalt niederschlagen. Gleich zu Beginn des Angriffs der USA und Israels wurde er getötet. Ein Grund zur Freude?
Theologieprofessor Ralph Kunz. (Illustration: Grafilu)

Der Sturz eines Tyrannen ist auf jeden Fall eine gute Nachricht, und der Tag, an dem sich die Tore des Evin-Gefängnisses öffnen, wird ein Freudentag für den Iran sein. Natürlich ist es nachvollziehbar, wenn sich die Menschen im Iran über den Tod des Ajatollah freuen! Er war für den Terror des Regimes (mit)verantwortlich! Aber soll ich mich freuen? Ich frage mich, ob ein «Tyrannenmord», also das Attentat auf einen ungerechten Herrscher, je ein Grund zur Freude sein darf.
Mythos vom gerechten Mord
Den gerechten politischen Mord gibt es nur in Legenden oder Filmen. Wir wissen: Wilhelm Tell ist ein Mythos und James Bond eine Fantasiefigur. Und wir wissen auch: Was zunächst wie eine pragmatische Lösung für das Gewaltproblem aussieht, ist militärisch heikel und rechtlich hochproblematisch. Die Idee, dass man Recht brechen darf, um Ordnung zu schaffen, finde ich brandgefährlich.
Es schürt den Konflikt, es löst ihn nicht. Von der Antike bis heute streitet man darüber, ob ein politischer Mord je gerecht sein kann.
Nicht bei Trost
Ob ein Einzeltäter mit der Armbrust schiesst oder eine Supermacht smarte Bomben wirft, das Problem ist dasselbe: Wer schützt vor der Willkür der Selbstjustiz? Wer hat das Recht, andere Führer zu töten? Selbst wenn in Teheran ein übler Mensch getötet wurde: Hat seine Ermordung den gewünschten Effekt? Die Falken sagen, militärische Gewalt sei notwendig, um noch grösseren Schaden abzuwenden. Sie halten mich, der auf Versöhnung hofft und für Friedensstifter betet, für naiv.
Ich aber denke, wer meint, der Tyrannenmord sei ein legitimes Mittel, um ein Volk zu befreien, ist nicht bei Trost. Es sieht nicht so aus, als sei das Problem der Iraner mit dem Regime nun gelöst. Dass so viele Falken an der Macht sind, die an diesen Mythos glauben, ist kein Grund zur Freude. Es ist zum Heulen.
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