Lebensfragen 27. Dezember 2024, von Ralph Kunz

Will Gott uns wirklich in Versuchung führen?

Theologie

Fachleute beantworten Ihre Fragen zu Glauben und Theologie sowie zu Problemen in Partnerschaft, Familie und anderen Lebensbereichen.

In «reformiert.» 9/2024 schrieb Ihre Kollegin, dass sie Gott mehr wie einen «Dirigenten, der uns Menschen orchestriert» sehe. Mir gefällt diese Aussage. Sie bringt mich zu meiner Frage, die ich schon vielen Ihrer Kolleginnen und Kollegen gestellt habe und die sehr unterschiedlich beantwortet wurde: Warum beten wir im Vaterunser «Herr, führe uns nicht in Versuchung, sondern ...»? Das wäre doch ein hinterhältiger Dirigent, der solches machte.

Ihre Irritation ist für mich nachvollziehbar. Man könnte die Bitte so (miss)verstehen. Als ob Gott willentlich den Menschen verführen, zu Fall bringen, ja töten wollte! Das wäre eine teuflische Verwechslung der böswilligen Verführung mit der gottgewollten Erprobung. Angemessener finde ich deshalb eine Formulierung von Frère Roger Schütz im Lied «Christus, dein Licht». Dort heisst es: «Christus, dein Licht verklärt unsre Schatten. Lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht.» In der Versuchungsbitte höre ich dieses «lass es nicht zu» zusammen mit der nachfolgenden Bitte, «sondern erlöse uns vom Bösen».  

Ich paraphrasiere: «Lass es nicht zu, dass wir uns verrennen und meinen, dein Reich sei unser Reich. Bewahre uns vor der Verblendung, wir hätten alles im Griff, wenn wir unseren Willen durchsetzen.» Das ist unsere Versuchung, die Wurzel des Bösen, und nein, hier geht es nicht um Schoggi, Schnaps und Sex. Das Wort «Versuchung» erinnert vielmehr daran, dass Jesus vom Geist in die Wüste geführt wird, wo er es mit dem verkehrten Gott zu tun bekommt. Jesu Treue wird auf die Probe gestellt. Er könnte Brot aus Steinen herstellen und sich mit einem Gott-Zauber selbst retten, die Welt beherrschen. Jesus besteht die Probe. 

Wenn wir also beten «führe uns nicht in Versuchung», geben wir zu, dass wir seine Probe nie bestehen würden – und wissen doch, dass wir wie Gott sein wollen. Es ist die urmenschliche Versuchung. Ich gebe zu – es bleibt ein Schatten auf Gott. Aber die Vorstellung, dass ein hinterhältiger Gott uns im Griff hat, finde ich noch dunkler. Lieber anerkenne ich seine Herrschaft und bekenne meinen Hang zur Allmacht, den Drang, die Welt zu dirigieren und Gott zu instrumentalisieren. Und bitte immer wieder darum, dass er mich vom Bösen erlöst. 

Haben Sie auch eine Frage?

Fachleute beantworten Ihre Fragen zu Glauben und Theologie sowie zu Problemen in Partnerschaft, Familie und anderen Lebensbereichen: Corinne Dobler (Seelsorge), Martin Bachmann und Salome Roesch (Partnerschaft und Sexualität) und Ralph Kunz (Theologie). 

Senden Sie Ihre Fragen an «reformiert.», Lebensfragen, Preyergasse 13, 8001 Zürich. 

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